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Stärken, Schwächen, GefahrenZwillinge aus dem Drucker – Warum 3D derzeit boomt

Lesezeit 6 Minuten
Breitkopf Hahn

Redakteur Thorsten Breitkopf im Original und in der 3D-Version

  1. Dreidimensionales Drucken ist keine Zukunftsmusik mehr. Ab 125 Euro gibt es ein Mini-Ich aus einem Gips-Kunststofft-Gemisch für Daheim. Redakteur Thorsten Breitkopf hat das Angebot selbst ausprobiert.
  2. Bei der Suche nach neuen Technologien will auch die Stahlbranche verstärkt auf das 3D-Drucken mit metallischen Werkstoffen setzen.
  3. Das birgt aber auch Gefahren: Die Technologie ist ein Gewinn, gewinnbringend, fortschrittlich – aber nicht gefeit vor dem Bösen.

Köln/Düsseldorf – Als Journalist ist man es gewöhnt, sich selbst zu sehen, etwa in der Autorenzeile oder auf einem Foto. Aber lebensecht, als dreidimensionale Figur im eigenen grauen Sakko: Das ist – etwas ganz anderes.

Vor wenigen Jahren noch führte der 3D-Druck ein Nischendasein. Große Teile zu drucken war sündhaft teuer. Kleine Teile aus kleinen Druckern war eher etwas für Modelleisenbahner, denen an der wertvollen Märklin-Lok der Schornstein abgebrochen war, der nun „nachgedruckt“ werden konnte. Viel mehr war nicht drin. Heute ist 3D-Druck kein Prototyping mehr, sondern ein vielversprechender, wachsender Wirtschaftszweig.

68 Kameras sorgen für ein Blitzlichtgewitter von allen Seiten

Die Firma Doob etwa hat sich auf die von mir getestete egozentrischste Art des dreidimensionalen Drucks spezialisiert: Das eigene Ich als maßstabsgetreue und farbechte Miniaturfigur. Dazu muss sich der zu Kopierende in eine kuppelförmige Kabine stellen. An allen Seiten des Kuppeldachs sind  insgesamt 68 hochauflösende 24-Megapixel-Spiegelreflex-Kameras verbaut. Es dauert Bruchteile von Sekunden, Blitzlichtgewitter von allen Seiten, und fertig ist ein riesiger Datensatz mit Digitalfotos aus allen erdenklichen, besser gesagt aus 68 Perspektiven. Daraus errechnet der Computer eine Datei in einer Größe, die handelsübliche PCs zum Absturz bringen würde.

Breitkopf mit 3D-Druck

Thorsten Breitkopf machte den Selbstversuch und ließ eine Miniversion seiner selbst erstellen.

Und dann muss man Geduld haben. Denn bis der Druck des „Ich“ fertig ist, dauert es. Doob hat volle Auftragsbücher. Aufs Gedruckte wartet man ein paar Wochen. Gesammelt werden mehrere Figuren, die gemeinsam gedruckt werden. Der reine Druck dauert etwa 14 bis 16  Stunden. Die Düse druckt ein Konvolut von einem Dutzend Figürchen. Das besondere ist nicht das Dreidimensionale, sondern die originale Farbe.

Kleinste Variante ab 125 Euro zu haben

 „Wir beschäftigen mehr als 130 Mitarbeiter“, sagt Doob-Geschäftsführer Sebastian Böhm. Zwei 3D-Drucker betreibt Doob auf der Welt, einen in New York, einen in Düsseldorf. Kamera-Scanner gibt es weniger als 20, verteilt im Land. Das ist der Engpass. Knapp sechsstellig ist der Preis für die Multi-Kamera-Monster. Erstaunlicherweise kosten die Farb-3D-Drucker nur fünfstellige Summen.

Entsprechend sind auch die Ego-Figürchen keine Schnäppchen. 125 Euro kostet die kleinste Variante, knapp zehn Zentimeter hoch. Die größere (hier getestete) kostet dann rund 200, kommt der Ehepartner noch mit, dann sind es mehr. Übrigens werden die Doppelfiguren separat abfotografiert.

Konsumverhalten in den USA unterscheidet sich

„Wir sind uns klar, dass das ein Premium-Produkt ist“, sagt Geschäftsführer Böhm. Profi-Fußballer kommen gern, auch Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel ließ sich drucken, mit Ehefrau Vera und im Karnevals-Gangster-Outfit mit Zigarette, obwohl er seit Jahren nicht mehr raucht. Impulskäufe seien in Deutschland die Ausnahme, in den USA sei das anders. Da würden Kunden am Schaufenster Figuren bestaunen und sich prompt  drucken lassen.

Die gedruckten Resultate sind alles andere als robust. Sonnenlicht vertragen sie so schlecht wie Vampire, und Feuchtigkeit auch nicht. Reinigen muss man sie mit dem Pinsel, nicht mit dem Wischmopp. Doch die Nachfrage ist groß.

Auch der Hund kann gedruckt werden

Die Figuren sind detailliert, zeigen jede Hosenfalte und sogar die Markenlogos auf dem Hemd. Weder Bauch, noch krause Haare oder Flecken auf dem Hemd verschweigen die Mini-Me’s. Manche „Gedruckte“ setzen Statements. Eine Frau etwa ließ sich in hohem Alter mit ausgestrecktem Mittelfinger darstellen – ihr Statement gegen ihre Krebserkrankung, der sie den Kampf angesagt hat.

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Die meisten aber, weiß Böhm, wollen ihre Lieblinge an ihrer Seite haben. Und das ist manchmal die Ehefrau oder den Gatten, meistens aber den eigenen Hund. Dann dauern die Fotosessions gerne mal etwas länger, weil der geliebte Labrador im Augenblick des Foto-Schusses gerade Pfötchen gibt, wegguckt, bettelt  oder sich verdrückt.

Ein Wirtschaftszweig, der stark wächst

3D-Druck ist nicht nur ein Spaß für Privatkunden, sondern ein neuer Wirtschaftszweig. Die Firma Voestalpine, Österreichs größter Industriekonzern, betreibt in Meerbusch ein Forschungszentrum für den 3D-Druck.  Dabei wird jedoch nicht Kunststoff eingesetzt, sondern man setzt auf  Stahl oder andere Metalle. Die zentrale Forschungsstelle für 3D-Druck von Metallen hat seit wenigen Jahren ihren Sitz in den Böhler-Werken auf der Stadtgrenze von Düsseldorf zu Meerbusch. Zehn Millionen Euro hat Voestalpine dort investiert. 

Bei der Suche nach neuen Technologien will die Stahlbranche verstärkt auf das 3D-Drucken mit metallischen Werkstoffen setzen.  Voestalpine wolle auch in Zukunft bei der Entwicklung neuer Produktionsverfahren ganz vorne mit dabei sein, kündigte das Unternehmen  kürzlich an. In einem nächsten Schritt sei eine Erweiterung um Kooperationen oder Standorte in Nordamerika und China geplant. Das für den Prozess notwendige Metallpulver werde von Gesellschaften aus Österreich und Schweden geliefert.

Ingenieure sind überzeugt von Zukunft des 3D-Stahldrucks

Das dreidimensionale Stahl-Drucken funktioniert, in dem eine haardünne Schicht Metallstaub aufgetragen wird. Diese wird dann in der Maschine mit einem Laser auf bis zu 1500 Grad erhitzt. Dann folgt die nächste Schicht, die sich mit der vorherigen fest verbindet. Durch dieses Verfahren werden Bauteile möglich, die mit herkömmlichen Verfahren, etwa dem Fräsen aus einem Metallblock, gar nicht machbar sind. Nachteil des Verfahrens sind die langsame Geschwindigkeit bei der Herstellung und die deutlich höheren Kosten. Ein einfaches Bauteil von wenigen Zentimetern kostet vielleicht zehn Euro, das gedruckte Pendant um die Tausend.

Dennoch glauben die Ingenieure an die Zukunftsfähigkeit des dreidimensionalen Stahldrucks. Wenn das gedruckte Bauteil am Ende etwa ein Kilogramm leichter ist, dann wird dadurch etwa im Flugzeugbau so viel Kerosin langfristig eingespart, dass sich die Mehrkosten bei der Produktion um ein Vielfaches rechnen.  Auch in der Medizin weckt das Drucken mit dreidimensionalen Objekten reges Interesse. Gedruckte Prothesen, Hüften, vielleicht bald Zähne,  sind keine Zukunftsmusik mehr. Dreidimensional gedruckte Ohr-Imitate sind heute bereits marktgängig.

Attentäter von Halle nutzte Waffe aus dem 3D-Drucker

Doch es gibt auch Schattenseiten. Die 3D-Drucker-Technik macht es deutlich einfacher, Waffen selbst zu bauen. Im Vergleich zu den Selbstbauwaffen aus Blech und Stahl können Waffen aus dem 3D-Drucker auch ohne handwerkliches Geschick gebaut werden. Die Maschinen „drucken“ die Waffenteile im Schichtdruckverfahren aus Kunststoff auf Zehntel- bis Hundertstelmillimeter genau, können also viel präziser arbeiten als Laien, die nicht über eine klassische Büchsenmacher-Ausbildung verfügen.

Während die „Luty SMG 9 Millimeter Parabellum“ des Attentäters aus Halle komplett aus Metallteilen bestand, war die zweite Luty-Maschinenpistole auch mit Plastikteilen – mutmaßlich von ihm – aus dem 3D-Drucker gebaut worden. Einen Drucker haben die Fahnder in den Wohnräumen  des Verdächtigen entdeckt.  Waffen aus dem 3D-Drucker sind seit Jahren ein Thema: 2013 stellte der Texaner Cody Wilson die Pläne für eine Waffe aus dem 3D-Drucker ins Netz. Der Waffennarr und Aktivist wurde dabei von der Waffenlobby-Organisation Second Amendment Foundation unterstützt.

Es ist wie mit vielen Technologien: ein Gewinn, gewinnbringend, fortschrittlich –  aber nicht gefeit vor dem Bösen.