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Kommunalwahl 2025Stadt und Kölner Parteien wollen Tiktok erobern – „zugespitzt, aber anständig“

Lesezeit 6 Minuten
Das Logo der Plattform Tiktok auf einem Smartphone.

Welche politische Kraft in der Plattform Tiktok steckt, haben jüngst bei den Bundestagswahlen die Linken bewiesen.

Welche politische Kraft in der Plattform steckt, haben die Linken und die AfD zuletzt bewiesen. Aber gilt das auch für die Parteien der Mitte?

Die Stadt Köln ist seit ein paar Wochen auf Tiktok. Besonders gut läuft ein Video, in dem sich der triste Arbeitsalltag in einem Büro um 11.11 Uhr in eine bunte Karnevalsparty mit Polonaise der verkleideten Mitarbeiter verwandelt. Über 110.000 Mal wurde es bereits angeklickt.

Als Grund für den Versuch der Stadt, Tiktok zu erobern, gibt Sprecher Alexander Vogel vor allem die im September anstehende Kommunalwahl an, bei der Jugendliche ab 16 Jahren wählen dürfen: „Wir glauben, dass wir unseren gesetzlichen Informationsauftrag nur wirklich erfüllen können, wenn wir auch Netzwerke bedienen, bei denen sich die junge Zielgruppe informiert – daher sind wir nun bei Tiktok.“ 1268 Follower hat der Account der Stadt bislang angelockt.

Tiktok-Account der Stadt Wien dient Kölner Stadtverwaltung als Vorbild

Dem Auftritt der österreichischen Hauptstadt Wien, die seit 2019 auf Tiktok aktiv ist und laut Vogel als Vorbild dient für Köln, folgen gut 31.000 Menschen. Deutlicher wird die Macht der Plattform bei diesen Zahlen: Mr. Beast, einem 26 Jahre alten Youtube-Pionier aus den USA, der seine Fangemeinde mit teuren Stunts, Wettbewerben und Verlosungen bei Laune hält, folgen 115 Millionen Menschen.

Tiktok-Rekordhalter war Anfang März laut Statista Khabane Lame mit rund 162 Millionen Followern. Der 25 Jahre alte senegalesisch-italienische Komiker ist vor allem für seine Parodien auf von anderen verkomplizierte Alltagserledigungen bekannt.

Daran lässt sich erkennen, dass politische Botschaften oder gar journalistisch aufbereitete Nachrichten bei Tiktok „ein Tropfen in den Ozean“ sind. So formuliert es der Kölner Medienökonom Christian Zabel. Er war mitverantwortlich für eine Studie der TH Köln und der Westfälischen Hochschule, in der untersucht wurde, wie deutsche Journalistinnen und Journalisten mit Tiktok umgehen. Heraus kam unter anderem, dass die Wahrung der journalistischen Unabhängigkeit eine Herausforderung bleibt. 

Mit Reflektion, Besonnenheit oder Diskussion ist man auf Tiktok strategisch im Nachteil
Volker Görtzel, Fraktionschef der Kölner FDP

Am besten funktioniert auf Tiktok bunte Unterhaltung, gern lustig, zugespitzt, emotional – oder gar provokant, empörend, polarisierend. „Mit Reflektion, Besonnenheit oder Diskussion ist man strategisch im Nachteil“, sagt Volker Görtzel, Fraktionschef der Kölner FDP. 

Welche politische Kraft dennoch in der Plattform steckt, haben jüngst bei den Bundestagswahlen die Linken bewiesen. Innerhalb kürzester Zeit katapultierten sie sich aus einem Drei-Prozent-Umfragetief auf bundesweit 8,8 Prozent der Stimmen, in Köln waren es knapp 15 Prozent.

Dass die in Teilen gesichert rechtsextreme AfD sich besonders darauf versteht, via Tiktok auf Stimmenfang zu gehen, ist spätestens seit den letzten Europawahlen bekannt. 17 Prozent der Wahlberechtigten im Alter von 16 bis 24 Jahren wählten die AfD.

03.03.2025, Nordrhein-Westfalen, Köln: Ein Mottowagen mit einem AfD-Motiv fährt zum Zug. Am Rosenmontag ist Höhepunkt der rheinischen Karnevalssaison mit den traditionellen Zug durch Düsseldorf. Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Mottowagen mit einem AfD-Motiv fährt zum Rosenmontagszug.

Die Parteien der Mitte scheinen den Anschluss verloren zu haben. Der Jugendforscher Simon Schnetzer sagte zuletzt dem „Handelsblatt“, die Bundestagswahl zeige, „dass wir die Kontrolle über politische Bildung an Social Media abgegeben haben“.

Der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree zeichnet ein noch düsteres Bild (siehe Interview), er sagt: „Wer die Medienstrukturen kontrolliert, der kontrolliert auch die Denkstrukturen.“ Und erstere würden aktuell nach Belieben von Big-Tech-Unternehmern wie Elon Musk gesteuert, der offen mit der Trump-Regierung und europäischen Populisten zusammenarbeite.

Kölner Experte: Wer auf Tiktok Erfolg haben will, muss polarisieren

Andree glaubt, dass gemäßigte politische Stimmen kaum eine Chance hätten, sich via Tiktok Gehör zu verschaffen. „Parteien, die erfolgreich sein wollen auf diesen Plattformen, müssten populistisch polarisieren“, sagt er. Das Gros der Kölner Parteien will es mit Blick auf den Kommunalwahlkampf dennoch versuchen. 

Der Kölner Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen ist bereits seit Juli 2024 auf Tiktok aktiv, der Account hat 1316 Follower. Das beliebteste Video mit über 50.000 Klicks ist eines mit der ehemaligen Bundesvorsitzenden Ricarda Lang. Es geht um die Meinungen von Markus Söder (CSU), handelsüblichen Joghurt und beider Halbwertzeiten. Lustige Unterhaltung ohne politische Botschaft. 

Ansonsten werden die Videos auf dem Account der Kölner Grünen kaum mehr als 1000 Mal angeklickt. Man mache das, „weil Tiktok längst kein Nischenmedium mehr ist, sondern insbesondere für junge Menschen eine der wichtigsten Informationsquellen darstellt“, erklärt Lisa Schopp, die Geschäftsführerin der Kölner Grünen. Ziel sei es, „junge Menschen mit politischen Themen zu erreichen, die ihren Alltag in Köln betreffen“.

Wir werden auf Tiktok einen eigenen Stil entwickeln. Zugespitzt, aber anständig
André Schirmer, stellvertretender Parteivorsitzender der Kölner SPD

Die Kölner SPD teilt mit, sie habe sich den Start eines kommunalen Accounts für die Zeit nach der vorgezogenen Bundestagswahl vorgenommen. „Wir werden einen eigenen Stil entwickeln, um auf Tiktok für soziale Gerechtigkeit und fortschrittliche Politik zu werben. Zugespitzt, aber anständig“, sagt der stellvertretende Parteivorsitzende André Schirmer. Kompromisslos wolle man nicht werden. Und andere Parteien niederzumachen, plane man auch nicht. 

Die Kölner Linken sind seit Anfang des Jahres auf Tiktok aktiv, der Account hat 1614 Follower. „Soziale Medien funktionieren viel über Wiederholung“, sagt die Kölner Parteichefin Nadine Mai: „Wenn wir es schaffen, als Kreisverband Köln eine zusätzliche Stimme zu sein, die über Mieten und die schlechte Mobilität in Köln spricht, tragen wir unseren Teil dazu bei, diese Themen in den Vordergrund zu rücken.“

Kölner Parteien steigen im Kommunalwahlkampf bei Tiktok ein

Bei der Kölner FDP soll der eigene Tiktok-Kanal ebenfalls für den Kommunalwahlkampf kommen. Volker Görtzel, Vater eines 16 Jahre alten Sohnes, sagt: „Wenn man guckt, wie bei jungen Menschen politische Meinung gebildet wird, dann ist das ausschließlich über Soziale Medien und hier vornehmlich über Tiktok.“ Ob die Parteien der Mitte jenen am linken und rechten Rand da nicht hinterherhinken? „Nein, die sind nicht schneller, nur härter“, sagt Görtzel.

Christer Cremer von der Kölner AfD erklärt, man plane für den Kommunalwahlkampf „ein umfangreiches Social-Media-Konzept, hierzu wird es wahrscheinlich auch ein Angebot auf Tiktok geben“. Wie man junge Menschen erreichen wolle? Zu „internen strategischen Entscheidungen“ gebe es keine Angaben, sagt Cremer: „Wir werden uns aber sehr mit der Kohorte unter 24 Jahren auseinandersetzen.“

Haben wir die Kontrolle über die politische Bildung unserer Jugend an Social Media abgegeben?

ARCHIV - 25.04.2024, Berlin: Eine Jugendliche schaut auf ein Smartphone mit angezeigtem Tiktok-Logo. (zu dpa: «Umfrage: Junge Menschen denken anders über China») Foto: Hannes P Albert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Eine Jugendliche schaut auf ein Smartphone mit angezeigtem Tiktok-Logo. (Symbolbild)

Die Kölner AfD sieht das erwartungsgemäß am wenigsten kritisch.  Social Media sei eine gute Ergänzung, sagt Cremer: „Die Bürger können Inhalte viel ungehinderter konsumieren ohne irgendwelche politische Korrektheitsfilter. Ich habe Angst um unsere Demokratie, wenn staatliche Zensur auf Social Media übergreift.“ Wer Pöbeleien, Polarisierung oder gar Lügen unterbindet, zensiert?

Nadine Mai von den Linken sagt: „Soziale Medien haben erstmal den Vorteil, in dem Sinne demokratisch zu sein, dass jede Person und jede Institution ohne großen Geldaufwand Videos produzieren könnte.“ Da ihre Partei keine Großspenden von Unternehmen annehme, profitiere man von dieser Entwicklung: „Die Unpopularität der Mitte insbesondere bei jungen Menschen nur mit sozialen Medien zu begründen und dabei Entwicklungen wie steigende Ungleichheit, geringe Reallöhne, mangelnden Klimaschutz, kaputte Infrastruktur und steigende Preise auszublenden, ist falsch.“

André Schirmer von der Kölner SPD wünscht sich, dass wieder „deutlich stärker in politische Bildung im Schulunterricht und in der Zivilgesellschaft“ investiert wird: „Damit das Wissen zum Beispiel über das Dritte Reich, die Judenverfolgung und rechte Propaganda jungen Menschen nicht in erster Linie über Soziale Medien vermittelt wird.“

Lisa Schopp von den Kölner Grünen sieht vor allem darin eine Gefahr, „dass Plattformen wie Tiktok Inhalte nach Engagement und Viralität ausspielen, nicht nach ihrem Wahrheitsgehalt oder ihrer demokratischen Relevanz“. Deshalb sei es umso wichtiger, dort auch verlässliche Informationen zu bieten.