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Direktor des Stadtmuseums„Den Kölnern fehlt die Sorgsamkeit mit der eigenen Stadt“

Lesezeit 8 Minuten
Matthias Hamann ist Direktor des Kölnischen Stadtmuseums.

Matthias Hamann ist Direktor des Kölnischen Stadtmuseums.

Für unsere Serie „Mein Kulturmonat“ hat uns Matthias Hamann, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, erzählt, wie er die Stadt erlebt. Außerdem gibt es von ihm drei persönliche Kulturtipps für den April.

Bevor ich 2007 als Chef des Museumsdienstes nach Köln gekommen bin, habe ich in Nürnberg im Germanischen Nationalmuseum gearbeitet. Und als ich meinem damaligen Chef erzählte, dass ich nach Köln gehe, sagte er: „Sie wissen aber, dass das ein Haifischbecken ist?“

Und tatsächlich ist Köln ja keine ganz einfache Stadt. Man denkt sich hier immer so im Angesicht dieser ganzen Lebensfreude: Das schunkelt sich schon alles irgendwie zurecht. Aber hinter dem Schunkeln verborgen liegt eine gewisse Härte. Trotzdem finde ich es sympathisch an Köln, dass diese Härte fast immer mit Freundlichkeit einhergeht.

Was mir sofort aufgefallen ist, als ich neu in der Stadt war: Die Meetings haben unendlich gedauert. In Franken muss ja nicht jeder ständig reden – im Gegensatz zu Köln. Da musste ich mich erstmal dran gewöhnen. Und auch daran, dass sich am nächsten Tag niemand mehr daran erinnert, was ganz verbindlich abends beim Kölsch zugesagt wurde.

Inzwischen weiß ich: Karneval ist kein Spaß. Was so oberflächlich und lustig daherkommt, ist sehr ernst gemeint.
Matthias Hamann

Ein gutes Gefühl für die Stadt bekommt man auf den Wochenmärkten, finde ich. Weil man dort einfach merkt, wie die Kölner ticken. Die gehen ja nicht unbedingt nur zum Einkaufen dahin, sondern um zu quatschen, um Kaffee zu trinken... Diese Atmosphäre von leben und leben lassen – die spürt man in Nippes auf dem Wilhelmplatz genauso wie auf dem Markt im Stadtwald.

In meinem ersten Jahr in Köln bin ich auch auf sehr viele Karnevals-Veranstaltungen gegangen - von der Prinzen-Proklamation bis zum Kneipen-Karneval. Und das war eine gute Erfahrung. Denn inzwischen weiß ich natürlich: Karneval ist kein Spaß. Was so oberflächlich und lustig daherkommt, ist sehr ernst gemeint. Zum einen gibt es natürlich wirtschaftliche Interessen, aber auch dieses tiefe Verhaftetsein im Brauchtum über Jahrhunderte. Da geht es um so viel mehr als bloß darum, ein Kostüm anzuziehen. Welche Bedeutung das tatsächlich für die Kölner hat – das hat man gerade gesehen, als es Probleme mit der Finanzierung der Schull- un Veedelszöch gab.

Als ich aus Nürnberg nach Köln kam, gab es hier gerade eine starke Aufbruchsstimmung. Damals kamen eine ganze Reihe von Galerien aus Berlin wieder ins Rheinland zurück, nach Köln und Düsseldorf. Und es gab verschiedene Neubesetzungen - meine Stelle war eine davon. Da spürte man so einen neuen Schwung. Und dann stürzte 2009 das Stadtarchiv ein. Und das hat diese positive Entwicklung ein bisschen gebremst. Ich glaube, Köln hat sich noch nicht richtig davon erholt - auch wenn man über den Archiveinsturz nicht mehr wirklich spricht. Aber das war schon eine ziemliche Zäsur. Nach zwei Jahren in Köln hat mich das damals sehr nachdenklich gestimmt, wie Köln mit seiner eigenen Vergangenheit umgeht.

Vieles wird da auch verklärt, zum Beispiel wenn es um die glorreichen 1980er Jahre geht, eine Zeit, in der die Kölner Kunstszene ernsthaft mit New York verglichen wurde. Ich glaube, das ist Quatsch. Und das gilt auch für viele andere Vergleiche: Man schaut immer auf die anderen Millionenstädte in Deutschland. Das funktioniert aber nicht so richtig gut, denn die haben ja als Residenz- und Hauptstadt eine andere Geschichte. Rotterdam wäre für mich ein viel lohnenderer Vergleich und auch eine Inspiration. Ebenfalls eine sehr große, wichtige Handelsmetropole, die genauso zerbombt war. Und die aus dem, was nach dem Krieg übrig geblieben ist, etwas ziemlich Interessantes gemacht hat.

Ich kenne keine Stadt, die so viele Mülleimer hat und die gleichzeitig so dreckig ist.
Matthias Hamann

Die Rotterdamer haben das Motto: Einfach machen. Das gefällt mir. Es ist zwar nicht immer alles ganz sauber abgewogen, aber es passiert etwas. Und was man in Rotterdam auf jeden Fall macht: Aufräumen. Im Gegensatz zu Köln, wo wir eine starke Verunklärung des Stadtbildes haben. Es ist einfach sehr viel los auf den Straßen: viel zu viele Schilder, Regelungen, Aufkleber, E-Scooter, Mülltonnen. Ich kenne keine Stadt, die so viele Mülleimer hat und die gleichzeitig so dreckig ist. Und ich glaube nicht, dass das nur an den Leuten von außen liegt. Den Kölnern fehlt diese Sorgsamkeit mit der eigenen Stadt - und das ist in Rotterdam ganz anders.

Da wäre die Selbstkritik wahrscheinlich fruchtbarer als bei Themen wie der Oper. Natürlich ist es schwierig, wenn Bauten nicht fertig werden. Aber ehrlich gesagt - die Kostenexplosionen hatte die Elbphilharmonie auch. Genauso beim Stuttgarter Bahnhof und in München bei der Philharmonie. Das sind nicht unbedingt kölnische Probleme. Kölnisch ist vielleicht, dass es jetzt alles gleichzeitig saniert und gebaut wird. Weil man es viel zu lange schleifen lassen hat. Es gibt eine gewisse Sorglosigkeit, denn man denkt sich: Das wird schon irgendwie laufen. Und dann ist alles gleichzeitig kaputt.

Ich glaube, man muss Baustellen besser managen. Und da geht es nicht darum, dass sie unbedingt schneller fertig werden. Sondern darum, den Menschen besser zu vermitteln, was hinter einem Bauzaun passiert. Denn ansonsten sieht es immer aus wie Stillstand. Und das ist ein Problem in der Innenstadt. Außerdem ist diese Stadt 2000 Jahre alt. Wir bauen ja nicht im Nichts. Wir müssen davon erzählen, zum Beispiel, was man auf den Baustellen gefunden hat. Römische Relikte? Was war dort im Mittelalter? Aber auch: Was wird hier zukünftig sein? Wie wird das aussehen? Und ich glaube, es würde für eine deutlich höhere Akzeptanz sorgen, wenn man Verständnis für den städtischen Raum weckt, auch in seiner historischen Dimension.

Als Stadtmuseum haben wir eine Museumswohnung in der Germania-Siedlung in Köln-Höhenberg. Und neulich hatte ich die Idee, mir mal die Umgebung dort näher anzuschauen, denn es handelt sich um eine hervorragende GAG-Siedlung aus den 1920er-Jahren, in der viel Qualität steckt.

Ich glaube, Köln hat sich noch nicht richtig von dem Einsturz des Stadtarchivs erholt - auch wenn man darüber nicht mehr wirklich spricht
Matthias Hamann

Davon inspiriert habe ich mir in den letzten Wochen, wenn das Wetter okay war, Kölner Siedlungen angeschaut. Von der Märchensiedlung in Dellbrück/Holweide bis zur Nibelungensiedlung in Mauenheim. Das liegt alles in der Peripherie und damit völlig außerhalb der kulturtouristischen Wahrnehmung – aber höchst spannende Architektur. Wenn man an Köln denkt, denkt man ja immer an die Altstadt oder die Innenstadt. Aber ein Großteil Kölns liegt außerhalb dessen. Das finde ich extrem reizvoll, sich das anzuschauen. Wer lebt da jetzt? Wie hat man da gelebt, vor 100 Jahren? Um Kultur zu entdecken, muss man manchmal auch die Komfortzone verlassen.

Im letzten Jahr habe ich mir auch nochmal sehr bewusst die neuen U-Bahn-Stationen angeschaut. Und gerade den Abschnitt am Heumarkt finde ich architektonisch sagenhaft gut gelungen. Wie übrigens auch einige ältere U-Bahn-Stationen. Das erkennt man vielleicht nicht immer auf den ersten Blick, weil es manchmal so aussieht, wie es in Köln eben aussieht. Aber es steht ein Anspruch dahinter. Und ich glaube, es ist ein Problem, dass Köln diese Ansprüche nicht mehr erfüllt, die es eigentlich mal selbst aufgestellt hat.

Um Kultur zu entdecken, muss man manchmal auch die Komfortzone verlassen.
Matthias Hamann

Dabei gibt es hier ein unglaubliches Potenzial, auch in der Architektur. Die 50er-Jahre-Architektur des Wiederaufbaus zum Beispiel – das Senatshotel am Alter Markt oder auch - gegenüber - der Theo-Burauen-Platz. Das sind Kleinode, jenseits der üblichen Attraktionen wie Dom und romanische Kirchen.

Und vielleicht könnte man sich aus den 1950ern sogar etwas abgucken für heutige Zeiten. Denn es ist ja eine sehr demokratische Architektur, die nicht überfordert. Und als bewusster Gegensatz zur NS-Architektur wieder aufs menschliche Maß bezogen ist.

Ich finde es sehr wichtig, dass es spannende kulturgeschichtliche Orte in dieser Stadt gibt, die sich jeder einfach so anschauen kann – ohne Termin und teure Tickets. Wie eben die Siedlungen und die U-Bahn-Stationen. Ich mag auch Friedhöfe, auch wenn das jetzt etwas morbide klingt – den in Mülheim zum Beispiel.

Außerdem gehe ich sehr gerne ins Theater. Nicht nur ins Schauspiel, sondern auch in die kleineren Häuser. Köln hat eine tolle Theaterlandschaft! Auch in dieser Mischung aus Boulevard bis hin zu sehr anspruchsvollen Produktionen in den kleinen Häusern. Vor allem im Bauturmtheater bin ich immer wieder mal. Zuletzt habe ich da eine Weihnachtsrevue gesehen. Das war ein bisschen klamaukig - aber ich fand sie großartig. Ich bin ja oft mit ernsten Dingen in der Kultur konfrontiert. Nicht nur kulturpolitisch, sondern auch was Inhalte betrifft. Deswegen ist so etwas ab und zu für mich auch ein schöner Ausgleich.

Aufgezeichnet von Kerstin Meier


Matthias Hamann, 57, studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik in Würzburg und Bologna. Nach seiner Promotion arbeitete er am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und war seit 2007 Direktor des Museumsdienstes Köln. Im Oktober 2023 wurde er Direktor des Kölnischen Stadtmuseums.

3 persönliche Kulturtipps von Matthias Hamann für den April

„Grmpf“ Diese musikalische Baustellen-Revue am Kölner Schauspiel habe ich noch nicht gesehen - aber ich habe jetzt Tickets gekauft, denn das finde ich einen charmanten Zugang zu dem Thema. Klar – es geht um die Oper. Aber wir haben ja viele Baustellen in Köln. Und wir als Stadtmuseum sind selbst betroffen und mittendrin. Sa. 5, So. 6. April, Tickets 12 bis 38 Euro.

Das Museum Schnütgen präsentiert ab dem 3. April die Ausstellung „Licht in dunklen Zeiten – Mittelalterliche Glasmalerei aus dem Khanenko Museum in Kyjiw“ - Glasmalereien, die zum ersten Mal außerhalb der Ukraine zu sehen sein werden. Und die das Schnütgen in den Dialog bringt mit hiesigen Beständen. Ich finde es wichtig, die Ukraine nicht nur als Kriegsgebiet zu begreifen, sondern auch als Kulturland. Ticket (inkl. Sammlung): 6 Euro. Die Ausstellung läuft bis zum April 2026.

Die Frizzles machen Impro-Theater – zum Niederknien witzig. Ich war schon zwei Mal da und es war jedes Mal gnadenlos gut. Die Frizzles treten regelmäßig im Kölner Ateliertheater in der Roonstraße auf. Im April am 11. (ausverkauft) und am 26. Tickets kosten 22,63 Euro.