Nach dem Einsturz eines Hochhauses in Bangkok läuft die Zeit für die Verschütteten aus. In Myanmar werden noch Hunderte vermisst.
WHO ruft höchste Notfall-Stufe ausLeichengeruch breitet sich nach Beben in Myanmar aus – Frau nach 60 Stunden gerettet

Yang Bi-ying bricht während eines Gesprächs mit Reportern in Tränen aus. Die Frau hat Angehörige im Erdbebengebiet in Myanmar.
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Drei Tage nach dem schweren Erdbeben von Myanmar mit Auswirkungen auf das benachbarte Thailand dauern die Rettungs- und Sucharbeiten in beiden Ländern an. Vor allem im Krisenland Myanmar, wo eine brutale Militärjunta regiert und der Informationsfluss schwierig ist, ist die Situation unübersichtlich. Am Morgen gab es im Staatsfernsehen zunächst keine neuen Zahlen zu Todesopfern und Vermissten.
Zuletzt hatte die Militärregierung von 1.700 Toten, rund 3.400 Verletzten und 300 Vermissten gesprochen. Das Beben vom Freitag, dessen Epizentrum nahe der zweitgrößten Stadt Mandalay im Zentrum des früheren Birma lag, hatte eine Stärke von 7,7.
Keine internationalen Medien zugelassen
Die Hilfsorganisation Save the Children berichtete, dass viele Familien aus Angst vor Nachbeben in Klöstern und auf Fußballfeldern Zuflucht gesucht hätten. Zahlreiche beschädigte Straßen und die unterbrochenen Kommunikationsleitungen erschwerten derweil die Hilfsmaßnahmen.

In Myanmar sind viele Gebäude eingestürzt.
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Gleichzeitig habe die Junta, die sich Anfang 2021 an die Macht geputscht hatte, internationalen Medien den Zugang zum Katastrophengebiet untersagt, schrieb die Nachrichtenagentur Mynamar Now unter Berufung auf den General General Zaw Min Htun.
Schlimmer Leichengeruch breitet sich in Myanmar aus
Lokale Medien berichteten, dass in der besonders schwer betroffenen Region Sagaing Anwohner selbst nach Vermissten suchten, weil die Rettungskräfte nicht zu ihnen durchkämen. Nach Angaben des Nachrichtendienstes Mizzima News sind noch immer viele Menschen in eingestürzten Klöstern eingeschlossen. Gleichzeitig liege in dem Gebiet ein schlimmer Leichengeruch in der Luft, hieß es.
„Unter den Trümmern sind noch immer Leichen begraben, und die geborgenen Leichen sind noch immer unbeerdigt. Sie verbreiten einen üblen Geruch, der eine ernste Gesundheitsgefahr darstellt“, heißt es in einer Erklärung der Sagaing Federal Unit Hluttaw, einer Anti-Regime-Behörde in Myanmar.
Stärkstes Beben seit 1912 in Myanmar
Das Beben vom Freitag sei das stärkste in Myanmar seit dem Jahr 1912 gewesen, berichtete der US-Sender CNN. Nach Angaben des United States Geological Survey dauerten die Nachbeben, von denen das stärkste am Freitag ein Beben der Stärke 6,7 war, das ganze Wochenende über an. Die US-Behörde schätzt auf Grundlage früherer Modellrechnungen, dass die endgültige Opferzahl bei über 10.000 Toten liegen könnte.
Ein Vertreter der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) erklärte gegenüber dem US-Sender unterdessen, dass das Ausmaß der Zerstörung, die Myanmar erlitten habe, „in Asien seit über einem Jahrhundert nicht mehr erlebt wurde“.
Zahl der Todesopfer wird wohl noch deutlich steigen
Die Auswirkungen des Erdbebens würden „noch in den nächsten Wochen“ zu spüren sein, erklärte Marie Manrique, Myanmar-Programmkoordinatorin der IFRC, gegenüber CNN. Sie deutete an, dass die Zahl der Todesopfer und Verletzten wahrscheinlich noch steigen werde, da einige Menschen noch immer unter eingestürzten Gebäuden eingeschlossen seien.

Eine Frau hält in Mandalay nach dem schweren Erdbeben in Myanmar ein Kind auf dem Arm.
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Save the Children, eine Nichtregierungsorganisation, die in den betroffenen Gebieten Hilfe leistet, gab unterdessen die Worte eines Vaters aus dem schwer betroffenen Land an die Presse weiter. „Kinder und ältere Menschen litten unter starkem Schwindel und Ohnmachtsanfällen … das Erdbeben war unglaublich stark und wir standen alle unter Schock. Kleine Kinder weinten und schrien vor Angst“, sagte der Mann demnach und fügte hinzu, dass dringend Nahrung und Wasser benötigt würden.
„Kleine Kinder weinten und schrien vor Angst“
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reagierte am Sonntagabend auf die Lage in Myanmar und rief die höchste Notfall-Stufe aus. Es würden dringend acht Millionen Dollar (7,4 Millionen Euro) benötigt, um Leben zu retten und innerhalb der kommenden 30 Tage Krankheitsausbrüche zu verhindern, erklärte die WHO.
Für die vielen Verletzten bestehe wegen der begrenzten medizinischen Kapazitäten in dem armen Land ein hohes Infektionsrisiko. Zudem drohe nach dem Beben in dem südostasiatischen Staat ein erhöhtes Krankheitsrisiko.
Am Montag wurde unterdessen auch ein kleines „Wunder“ aus Myanmar bekannt. Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben gelang es Rettern, eine Frau lebend aus den Ruinen eines Hotels zu bergen: Laut eines Facebook-Posts der chinesischen Regierung wurde die Frau aus den Trümmern des Great Wall Hotels in der Stadt Mandalay gezogen. Auch eine Schwangere, die 60 Stunden in Trümmern gefangen gewesen war, habe gerettet werden können, teilten chinesische Medien mit.
WHO ruft höchste Notfall-Stufe aus – Zeit in Bangkok läuft aus
In Bangkok suchen Rettungskräfte derweil in einem eingestürzten Rohbau weiter fieberhaft nach knapp 80 Vermissten. Die Teams sind mit Baggern und Spürhunden im Einsatz. Angehörige warteten verzweifelt vor dem Schuttberg, der von dem rund 30-stöckigen Hochhaus noch übrig ist. Die 72 Stunden, die Verschüttete normalerweise ohne Nahrung und Wasser auskommen können, sind bald erreicht.
Nach Angaben der Stadtverwaltung wurde zuletzt ein weiterer Toter aus den Trümmern geborgen. Damit liegt die Gesamttodeszahl in der thailändischen Hauptstadt nun bei 18.
Beben auch nahe Tonga
Auch nahe dem Inselstaat Tonga im Südpazifik wurde ein schweres Erdbeben gemeldet. Die US-Erdbebenwarte USGS gab die Stärke der Erdstöße vom frühen Montagmorgen (Ortszeit) mit 7,0 an. Demnach lag das Zentrum 73 Kilometer von der Stadt Pangai entfernt in einer Tiefe von 29 Kilometern.
Berichte über Schäden oder Verletzte gab es zunächst nicht. Der Sender Radio New Zealand schrieb, es habe sich um das heftigste Beben in Tonga seit zehn Jahren gehandelt. Zudem gab es mehrere starke Nachbeben. Eine ursprüngliche Tsunami-Warnung wurde aber wieder aufgehoben. (das/dpa)