Das Thema Sicherheit wird in den Karnevalszügen im Kreis Euskirchen großgeschrieben. Nicht jeder Wagen schaffte die TÜV-Kontrolle im ersten Versuch.
StraßenkarnevalDer TÜV kennt kein Pardon, die Jecken im Kreis Euskirchen finden Lösungen

Mit schwerem Gerät wurde die weitgehend fertiggestellte Arche in Roderath komplett auf einen neuen Anhänger gehoben.
Copyright: Privat/Winfried Dederichs
Die Vorbereitungen für den Straßenkarneval gehen auf die Zielgerade. Das gilt auch für die Wagenbauer. Sie mussten in den vergangenen Wochen nicht nur Kreativität und Improvisationstalent an den Tag legen. Auch das Thema Sicherheit wird in den Zügen großgeschrieben. Bei den Wagen schaut der TÜV sehr genau hin.
Für Prinz Helena I. (Bescher), Jungfrau Marcella und Bauer Walter ist es eine traumhafte Session. Das Trifolium der KG Löstige Rut- on Bleibächer Mülheim-Wichterich surft auf einer regelrechten Euphoriewelle durch die jecke Jahreszeit. Doch plötzlich wäre fast Flaute gewesen. Ausgerechnet mit einem Prunkwagen wollte es nicht klappen. Der Grund: Der TÜV hatte dem bisherigen Wagenverleiher der KG einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Aufwand, Zeit und Bibbern beim Dreigestirn in Mülheim-Wichterich
Also musste sich das Dreigestirn in der Jubiläumssession nach einer Alternative umschauen. Per Newsletter über den Regionalverband Düren im Bund Deutscher Karneval ging ein Hilferuf ins World Wide Web. Und tatsächlich: die KG Desteniche Heedmösche in Disternich hatte einen Prunkwagen, den sie in dieser Session nicht benötigt.

So übernahm die KG Löstige Rut- und Bleibächer aus Mülheim-Wichterich den ausgeliehenen Wagen.
Copyright: Helena Deschner

Nach dem Umbau durch die KG Löstige Rut- und Bleibächer erstrahlt der Wagen wieder.
Copyright: Helena Deschner
„Der Wagen war fürchterlich dekoriert und übersät mit Vogelkot“, erinnert sich Prinz Helena I.. Aber Alternativen hatten die Jecken im Doppelort nicht. „Wir haben dann die Absprache getroffen, dass wir den Wagen nur mieten, wenn die KG ihn durch den TÜV bringt“, so Bescher. Bevor der TÜV grünes Licht gab, steckte das Trifolium aber schon viel Zeit in das Gefährt. Etwa 70 Arbeitsstunden flossen in den „neuen“ Prunkwagen. Neben dem Dreigestirn packten vor allem der Bruder der Jungfrau und die Adjutantin des Prinzen mit an.
Am 8. Januar dann die Erlösung: Der Wagen war durch den TÜV. Die offiziellen Papiere sind nun seit einem Monat bei den Jecken aus Mülheim-Wichterich. Und damit sich Aufwand, Zeit und Bibbern auch gelohnt haben, nimmt das Trifolium nun gleich an drei Zügen teil. Los geht's am Freitag in Niederelvenich, dann folgt das Heimspiel am Karnevalssonntag in Mülheim-Wichterich und am Rosenmontag wollen die drei Jecken in Euskirchen mitfahren.
Die Sieberather mussten einen komplett neuen Wagen bauen
Auch das Dreigestirn aus Sieberath brauchte einige Nerven. Der Grund auch dort: der TÜV. Der ursprüngliche Prunkwagen war nämlich der Flut zum Opfer gefallen. Es musste also ein komplett neuer her. „Das mit dem TÜV war so schwierig“, sagt Prinzessin Leah I. (Abel), die mit Bauer Miri (Miriam Mertens) und Jungfrau Elena (Diederichs) das Dreigestirn der KG Blau-Gelb Sieberath bildet.
„Das Untergestell des alten Wagens hatte keine Papiere“, erzählt Bauer Miri: „Mit viel Glück und nach langer Suche haben wir ein neues Untergestell gefunden. Da haben wir dann von der kleinsten Schraube an alles aufgebaut – und auch durch den TÜV bekommen.“ In den vergangenen Wochen schraubten, hämmerten und sägten die drei jungen Frauen an ihrem Tollitäten-Gefährt herum.
Das Dreigestirn will den neuen Prunkwagen auch gleich einem Härtetest unterziehen. Fünf Züge stehen auf dem Programm von Prinzessin Leah I., Bauer Miri und Jungfrau Elena: Wahlen, Ettelscheid, Dreiborn, Hellenthal und Hecken. „Wir nehmen alles mit, was geht“, sagt die Prinzessin.
Roderather Jecken drohte ein Fußmarsch im Nettersheimer Zoch
Eine pragmatische Lösung fanden auch die Karnevalisten von der Roderather Dorfgemeinschaft, als es Probleme mit der TÜV-Abnahme für ihren Karnevalswagen ging. Denn als deutlich wurde, dass möglicherweise ein Fußmarsch durch Nettersheim drohte, da die Prüfer nicht zufrieden mit dem technischen Zustand des Anhängers waren, wählten sie eine ebenso pfiffige wie naheliegende Lösung.

Mit der Roderather Arche zog die Treppe um.
Copyright: Stephan Everling
Mit Erfolg, um das Happy End direkt zu spoilern: Das begehrte Siegel wurde mittlerweile problemlos auf den fahrbaren Untersatz aufgeklebt, mit dem es am Rosenmontag durch Nettersheim gehen wird.
Dass die Prüfer des TÜV in diesem Jahr bei der Abnahme der Zugwagen ganz genau hinsahen, erfuhren die Roderather Karnevalisten am eigenen Leib. Seit vielen Jahren sind sie mit ihrem Wagen ein fester Bestandteil des Rosenmontagszuges. „Es wurde beanstandet, dass der Anhänger keine Auflaufbremse habe, die muss er aber haben“, skizzierte Winfried Dederichs das Problem. Das sei bisher nie beanstandet worden, zumal der Wagen von einem schweren Traktor mit viel PS gezogen werde.
Wie der komplette Aufbau auf ein neues Gestell geschafft wurde
Doch die Prüfer seien hart geblieben. Ohne TÜV keine Zugteilnahme, also musste Plan B her. In sechswöchiger Arbeit hatten die Roderather bereits auf das alte Fahrgestell ein komplettes Schiff gebaut, eine Arche Noah. Den Bau noch einmal von vorne zu beginnen, war schlechterdings nicht möglich. Das Fahrgestell mit einer Bremse zu versehen, auch nicht. Also musste eine andere Lösung her. Wenn Boote auf einen Anhänger können, warum kann dann nicht einfach der Karnevalswagen huckepack genommen werden?
Dafür musste zuerst einmal ein neuer Anhänger her, der als fahrbarer Untersatz für das Schiff dienen konnte. Als der beschafft war, machten sich die Roderather daran, die Räder des alten Anhängers abzubauen und das Schiff nebst Unterbau auf den neuen Anhänger zu heben, um es dort fest zu installieren.
Dann mussten, um die Sicherheitsanforderungen zu erfüllen, noch Seitenteile anmontiert werden, damit der Spalt bis zum Boden auf 13 Zentimeter reduziert wurde. Blieb noch das Problem, wie die Jecken auf den Wagen kommen könnten. „Wir haben die Treppe vom alten Wagen abgeflext und bauen die jetzt an den neuen an“, so Dederichs.
Mit rund 50 Jecken wird sich nun die Dorfgemeinschaft Roderath in den Gemeindezug in Nettersheim einreihen. Die Aussicht auf das närrische Volk dürfte noch besser sein, denn durch den Umbau liegt der Boden rund einen halben Meter höher als früher. Doch auch, wenn der Weg in das Innere der selbst gebauten Arche nun ein bisschen weiter geworden ist, können die Jecken sicher sein, dass ihre Huckepackvariante den strengsten TÜV-Anforderungen genügt.