Die Integrationsmaßnahme soll dem 32-jährigen Russen einen Einblick in das Arbeitsleben in Deutschland geben.
Für 80 Cent die StundeSo unterstützt ein Geflüchteter die Feuerwehr Kerpen

Nikita Pankov arbeitet auf der Feuerwache in Kerpen.
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Nikita Pankov floh aus Russland, um dem Krieg zu entkommen. „Ich bin gegen den Krieg und deshalb geflohen“, sagt er. In seinem Heimatland arbeitete er als Übersetzer für Russisch und Chinesisch – nicht unbedingt gefragte Sprachen für einen Dolmetscher in Deutschland. „Es ist generell nicht einfach, in Deutschland einen Job zu bekommen, wenn man nur wenig Deutsch spricht“, erklärt der 32-Jährige.
Dass er aber doch gut Deutsch spricht, zeigt sich im Gespräch mit ihm – denn eigentlich spricht er die Sprache fließend, mit gelegentlichen Nachfragen, wenn das ein oder andere Wort doch noch unbekannt ist. Trotzdem hat er nach Eigenangaben das Dolmetschen an den Nagel gehängt. Stattdessen will er in die IT, um als Programmierer zu arbeiten. Bis es so weit ist, arbeitet er bei der städtischen Feuerwehr im Rahmen des Programms „Arbeitsgelegenheiten für Geflüchtete“.

Pankov räumt die Masken in ein Reinigungsgerät.
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80 Cent verdient er hier pro Stunde für das Erledigen diverser Hilfsarbeiten: So unterstützt er etwa beim Kochen, wäscht die Ausrüstung der Feuerwehrleute oder hilft bei der Pflege und Wartung der Atemschutzmasken. Nur Tätigkeiten, für die es keine Fachausbildung braucht, sind erlaubt, etwa 14 bis 16 Stunden die Woche. Bis zu 20 Stunden wöchentlich dürfte Pankov dem Programm der Stadt zufolge arbeiten.
Wenig Geld für teils anstrengende Arbeit. Doch Matthias Melchert, Koordinator für Flüchtlingsangelegenheiten, betont: „Es handelt sich hierbei um eine Integrationsmaßnahme. Es geht vornehmlich darum, Kontakt zu Menschen vor Ort herzustellen, rauszukommen, einen geregelten Tagesablauf zu haben und die Arbeitswelt vor Ort kennenzulernen.“
Kerpen: Pankov wollte wissen, wie eine Feuerwache von innen aussieht
Raus kommt Pankov so durchaus. Auch betont er, dass er gerne bei der Feuerwehr arbeite. Momentan lebt er laut eigenen Angaben im städtischen Wohnheim für Geflüchtete. „Alle hier sind sehr nett und hilfsbereit“, sagt er.
Warum er sich ausgerechnet für die Arbeit bei der Feuerwehr interessiert, obgleich seine sonstigen beruflichen Interessen damit kaum etwas zu tun haben? „Ich bin an einer Feuerwache vorbeigekommen und dachte mir, das sieht interessant aus. Ich habe mich gefragt, wie das Ganze von innen aussieht. Ich wollte wissen, wie die Feuerwehr in Deutschland funktioniert.“ Zuvor habe er sich Youtube-Videos über die Feuerwehr angesehen. „Aber ich wollte wissen, wie es in der Realität ist.“
Kurze Zeit später habe ihn die Stadtverwaltung gefragt, ob er auf der Feuerwache arbeiten wolle. Insgesamt arbeiteten derzeit etwa 15 Personen im Rahmen des Programms in verschieden Abteilungen der Stadt, wie im Rathaus, der Feuerwehr und künftig auch im Betriebshof, sagt Melchert.
Seine Aufgaben seien einfach und fielen leicht, verrät Pankov. Besonders gut gefalle ihm aber das Miteinander auf der Wache. „Die Kollegen fragen ständig, wie es mir geht oder bieten mir etwas zu essen an“, berichtet er lachend. Das fühle sich fast an „wie zu Hause“.
Sobald Pankov eine Stelle als Programmierer oder einen entsprechenden Ausbildungs- oder Studienplatz findet, kann er jederzeit mit dem Arbeitsprogramm aufhören. Denn etwa sozialversicherungspflichtige oder ausbildende Tätigkeiten hätten Vorrang, erklärt Melchert. Zeitlich begrenzt sei die Teilnahme an dem Programm aber nicht, erläutert er. Vorausgesetzt, Pankov wolle weiter daran teilnehmen.
Die Feuerwehr in Kerpen sei nicht sein erster Kontakt mit Menschen in Uniform, sagt Pankov: So habe er bereits in Prag mit der Burgwache Kontakt gehabt und in Italien mit den Carabinieri, der italienischen Gendarmerie. „Das ist quasi meine Tradition geworden“, sagt er und lacht.
Arbeitsagentur bewertet das Projekt als positiv
Das Programm Arbeitsgelegenheiten für Geflüchtete aus Kerpen ist das erste dieser Art im Rhein-Erft-Kreis. Auf Anfrage berichtet die Arbeitsagentur des Kreises: „Mit der Arbeitsgelegenheit für Geflüchtete nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, das durch die Stadt Kerpen gerade erprobt wird, haben wir bislang noch keine Erfahrungswerte sammeln können.“
Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Brühl, Ralf Holtkötter, sagt aber: „Menschen in den Arbeitsmarkt und damit in die Gesellschaft zu integrieren, ob über Praktika, Minijobs, Ausbildung oder bestenfalls eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, ist für alle Beteiligten ein Gewinn.“ Er erläutert: „Viele der geflüchteten Menschen sind hoch motiviert und wollen sich einbringen. Ihnen hierzu Chancen zu eröffnen, ist erst einmal eine gute Sache. Ziel muss es sein, diese Menschen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bringen, damit sie bestenfalls ihren Lebensunterhalt davon bestreiten können.“
Kritik von Linksfraktion und Flüchtlingshilfe aus Frechen
Kritik gab es dagegen bereits aus der Politik von der Linksfraktion. Allein die Linke stimmte in der Ratssitzung im Dezember 2024 gegen eine Bereitstellung außerplanmäßiger Mittel. Der Knackpunkt: die Bezahlung. Anetta Ristow (Linke) nannte die Entlohnung von 80 Cent pro Stunde in der Sitzung „menschenunwürdig“. Stattdessen schlug sie vor, die Beschäftigung als Ehrenamt mit der gängigen Ehrenamtspauschale anzubieten.
Auch die Flüchtlingshilfe Frechen zeigt sich kritisch: „Wenn ich schon 80 Cent höre, kann ich nur den Kopf schütteln. Das ist zu wenig“, sagt der 1. Vorsitzende Ulrich Lussem. „Dass die Menschen einer sinnvollen Arbeit nachgehen, ist grundsätzlich durchaus wichtig“, ergänzt er. Er empfiehlt als sinnvollen und wertschätzenden Ansatz etwa Hilfe zur Selbsthilfe: „Wenn sich Geflüchtete gegenseitig Deutsch beibringen, ist das etwa sehr hilfreich.“ Auch arbeiteten Geflüchtete im Sozialwarenhaus der Flüchtlingshilfe vereinzelt ehrenamtlich – das bedeutet aber auch, so bestätigt Lussem, dass hier gar kein Geld fließt.