Bonner OrganisationWie deutsche Senioren im Ausland Hilfseinsätze leiten

Esther Kurz behandelt einen kleinen Jungen in Uganda.
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Köln/Bonn – Ein Aufenthalt im außereuropäischen Ausland – in der Corona-Pandemie schien das etwa so weit entfernt zu sein wie eine Reise zum Mond. Das erschwerte auch die Arbeit des Senior-Experten-Service (SES) aus Bonn. Die gemeinnützige Organisation entsendet normalerweise jährlich hunderte Rentnerinnen und Rentner zu Einsätzen in die ganze Welt. Auf diesen teilen sie ihre Expertise mit lokalen Hilfsorganisation oder Firmen, die ihre Hilfe angefordert haben. In der Pandemie waren jedoch insbesondere ältere Menschen durch das Virus und seine Auswirkungen gefährdet. Trotzdem sagt Geschäftsführer Michael Blank: „Die Expertinnen und Experten sind ready to go.“
„Rückholaktionen waren dramatisch“
Rund 12.000 Menschen sind in der Datenbank des SES registriert, bereits in den ersten beiden Monaten 2020 waren rund 350 Seniorinnen und Senioren im Auslandseinsatz. Dann kam die Pandemie – und in einer großen Rückholaktion mussten die Freiwilligen wieder nach Deutschland gebracht werden. „Das muss ziemlich dramatisch und stressig gewesen sein“, sagt Michael Blank, der die Geschäftsführung des SES zum April von Susanne Nonnen übernommen hat. „Doch wir sind den Senioren gegenüber auch verpflichtet, für ihre Sicherheit zu sorgen.“ Zurück in Deutschland hat der Wunsch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, bei vielen allerdings nicht abgenommen.

Der neue Geschäftsführer des Senior-Experten-Service: Michael Blank.
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So auch bei der Kölnerin Esther Kurz. Die 67-jährige Krankenschwester und Pädagogin hat ihr halbes Arbeitsleben im Ausland verbracht, wirkte an Projekten in Burkina Faso, Ruanda oder Burundi mit, leistete Aufklärungsarbeit und medizinische Versorgung. Längst hätte sie sich in den Ruhestand verabschieden können. Doch als die Corona-Pandemie ausbrach, habe sie sich „verpflichtet“ gefühlt zu helfen – und fing an, bis vor kurzem wieder in einer Kölner Klinik zu arbeiten. Noch im Januar 2020 war sie für den SES im Einsatz in Uganda. Dort unterstützte sie eine lokale Hilfsorganisation, die gegen Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, sexualisierte Gewalt und Menschenhandel vorgeht.
Kölner Krankenschwester leistet Aufklärung in Uganda
Vor Ort erlebte die Expertin schlimme Schicksale. Abschrecken lässt sie sich davon nicht. Ihre langjährige Erfahrung helfe mir, damit umzugehen. „Man muss immer positiv bleiben, darf nicht zurückschrecken und muss sein Ziel vor Augen haben“, erklärt Kurz. Mit der Organisation entwickelte sie Statistiken, fertigte Berichte an und gab Kurse in medizinischem Grundwissen. Sie sei froh, alle Aufgabenbereiche kennengelernt zu haben. „Wenn man sieht, wie notwendig die eigene Arbeit ist, gibt einem das total viel“, sagt sie.

Esther Kurz setzte sich in Uganda gegen Missbrauch und sexualisierte Gewalt ein.
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In Kürze bricht sie bereits zu ihrem nächsten Auslandseinsatz auf, mit einer anderen großen Hilfsorganisation. Auch einen weiteren Einsatz für den SES kann die 67-Jährige sich vorstellen. „Ich bin doch noch fit!“
Großes Verlangen der Senioren, etwas zu erleben
Diese Grundeinstellung teilen alle Expertinnen und Experten, die im SES engagiert sind, meint Michael Blank: „Alter ist eine Sache im Kopf, und unsere Senioren sind nicht alt. Gerade jetzt nach einer langen Zeit der Einschränkung gibt es das große Verlangen danach, etwas zu erleben.“ Auch die Auslandseinsätze des SES laufen daher wieder an. 13 Einsätze habe es dieses Jahr gegeben, vergleichsweise wenig, aber unter hohen Sicherheitsbedingungen. Nach Tansania, Uganda, Südafrika und im Kosovo sind die Seniorinnen und Senioren gereist.
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„Wir haben einen Katalog mit 30 Kriterien erstellt, die erfüllt sein müssen, damit wir Leute entsenden. Die Botschaft vor Ort berät uns, es darf keine verpflichtende Quarantäne geben und die Inzidenzen und Krankenhaussituation vor Ort spielen eine Rolle. Unsere Expertinnen und Experten sind außerdem mittlerweile durchgeimpft – das bietet natürlich keine Garantie, aber stimmt uns beruhigter“, erklärt Blank.
Auch Berufstätige können Auslandseinsätze machen
Dabei bietet der SES nicht nur für die namensgebenden Seniorinnen und Senioren die Möglichkeit, Arbeitserfahrung im Ausland zu sammeln. Im Rahmen des Programms „Weltdienst 30+“ haben auch Menschen, die noch aktiv im Arbeitsleben stehen, die Möglichkeit, vom SES entsendet zu werden. Voraussetzung dafür ist, mindestens 30 Jahre alt zu sein und acht Jahre Berufserfahrung in seinem Gebiet mitzubringen.

Jérôme Becher gab seine Expertise als Physiotherapeut in China weiter.
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„Wer seinen Urlaub dafür verwenden möchte oder vom Arbeitgeber freigestellt wird, hat so auch die Chance auf einen Auslandseinsatz“, sagt Blank. Der 42-jährige Jérôme Becher hat davon bereits vier Mal profitiert. Der Kölner mit französischen Wurzeln leitet eine Reihe von Physiotherapie-Praxen in Köln und ist vom SES nach China entsendet worden, um sein Wissen dort weiterzugeben.
Kölner Physiotherapeut erkundet China
„In China gibt es eine große Nachfrage nach westlicher Medizin“, erzählt Becher. „Ich habe die Leute vor Ort geschult, mit ihnen Konzepte geschrieben und ein Reha-Zentrum aufgebaut.“ Mit seiner üblichen Arbeitsweise kam Becher in einer anderen Kultur jedoch nicht weit: „Mit deinem alltäglichen Trott kannst du dort nichts anfangen. Die Menschen denken und arbeiten ganz anders. Aber es war eine tolle Erfahrung, die den Horizont erweitert. So etwas kann einem keiner mehr nehmen.“

Sightseeing: Physiotherapeut Becher erkundete China.
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In der Corona-Zeit habe er noch einmal mehr gemerkt, wie wichtig ihm der menschliche Kontakt und der Austausch mit anderen Kulturen sei. Sobald es möglich ist, will auch Becher in seinen nächsten Auslandseinsatz starten. „Dann sollen auch meine Frau und mein Kind mitkommen. Die Welt entdecken und dabei etwas Gutes tun – was Besseres gibt es ja eigentlich gar nicht.“