In den 50er Jahren war eine Rednerin im Karneval war noch immer etwas Wundersames. Wie gut, dass Trude Herr ein „Wunderkind“ war – in vielerlei Hinsicht.
Frauen im KarnevalWunderkind und Karnevalspräsidentengattin – „Trude Herr war eine Kanone im Karneval“

Trude Herr an einem Ort, wo sie hingehörte: Die Bühne
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Es gab Frauen, die in der Geschichte des Karnevals in unterschiedlicher Weise eine Rolle spielten. Künstlerinnen und Randfiguren. Unter den Künstlerinnen der Nachkriegszeit ragte Trude Herr heraus. Ihr Einstieg in den Karneval 1954 entsprang einer Notlage: Trude Herr war zu dem Zeitpunkt eine Schauspielerin in Wartestellung. Nach ihrem Engagement im Millowitsch-Theater ab 1947/48 gründete sie 1949 mit ihrem Freund und Kollegen Gustl Schellhardt die „Kölner Lustspielbühne“, mit der sie aber schon nach kurzer Zeit pleite gingen. Im Herbst 1954 geschah zwar kein Wunder, aber so etwas Ähnliches. Trude Herr stellte sich mit einer Büttenrede als „Wunderkind“ den Programmgestaltern der Karnevalssitzungen vor und wurde trotz einiger Skepsis engagiert. Eine Rednerin im Karneval war noch immer etwas Wundersames.
Mit dem „Besatzungskind“ gewann sie den „Wettstreit der rheinischen Nachwuchskarnevalisten“
Und dieses Exemplar wollte zwar auf die Bühne, aber gar nicht in die Bütt, sondern daneben stehen: „Sonst ist ja die halbe Figur weg“. „Das Wunderkind“ kam als naives, um nicht zu sagen, unbedarftes, dickes, kölsches Mädchen daher und erzählte seine Erlebnisse als Nachwuchsfilmstar. Es gab vor, alle Stars zwischen Hollywood und Venedig persönlich zu kennen. Die gemeinsam mit Schellhardt entwickelte Rede basierte auf einer raffinierten Naivität, die leicht Anrüchiges verdeckte. So behauptete das Filmsternchen, es habe die Filmgesellschaft gebeten, den Titel „Die Jungfrau von Orléans“ in „Das Mädchen von Orléans“ zu ändern. Die Leute zu Hause im Vringsveedel würden sonst dumme Bemerkungen machen.

Trude Herr in einer Rolle als Bardame, Anfang 1970er Jahre
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Die 27 Jahre alte Trude Herr aus Kalk wurde zum gefeierten Karnevalsstar. Das Publikum liebte ihren Vortrag, der ebenso komisch wie gesellschaftskritisch war. In ihrer ersten Session hatte sie mehr als 50 Engagements. Dem „Wunderkind“ folgte ein Jahr später „Das Besatzungskind“. Diesmal ließ Trude ihrer Rede über ein Kind, dessen Vater ein schwarzer Besatzungssoldat aus Amerika war, noch ein Lied folgen. Dessen Text war nicht komisch, sondern ging sehr zu Herzen. An einer Stelle heißt es: „Un ben ich och e schwaz Jeblöt, ich han trotzdem e kölsch Jemöt“. Mit dem „Besatzungskind“ gewann Trude Herr 1956 den „Wettstreit der rheinischen Nachwuchskarnevalisten“ des WDR. Es war ein grandioser Erfolg in der live übertragenen Veranstaltung.
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Das Publikum liebte sie, die Karnevals-Offiziellen nicht immer
Der Weg zu weiteren Erfolgen war geebnet. Die Künstlerin trat unter anderem in den Karnevals-Revuen im Kaiserhof auf, die von Silvester bis Aschermittwoch stattfanden. Daneben trat sie weiter auf Sitzungen auf. Jedes Jahr mit einer neuen Type und neuen Büttenrede. Mal als beleibtes Rotkäppchen, mal als „Madame Wirtschaftswunder“, mal als „Gangsterbraut vom Eigelstein“. Das Publikum liebte sie, die Karnevals-Offiziellen nicht immer. Und Trude liebte den organisierten Gesellschaftskarneval auch nicht. Im Laufe der Jahre wurde sie in ihren Reden immer frecher, manche Zeitgenossen sagen aggressiver. 1958 knirschte es kräftig im Karnevalsgebälk, ihre für die kommende Session angekündigte Rede als „Karnevalspräsidentengattin“ war nicht erwünscht. Trude schmollte und kehrte den Präsidenten samt Gattinnen den Rücken.
Ganz brach sie nicht mit dem Karneval. Sie spielte weiter im „Kaiserhof“ und hatte 1964 bei der Prinzenproklamation einen umjubelten Auftritt als „Kölsche Cleopatra“. Später trat sie in der von der Gastspieldirektion Otto Hofner organisierten „Lachenden Sporthalle“ auf. Hofner sagte später über die Künstlerin: „Trude war eine Kanone im Karneval“. Zurück in die Bütt wollte sie aber nicht mehr. Die verschmähte Rede über die Karnevalspräsidentengattin kramte sie 1980 wieder hervor und verarbeitete sie in der Produktion „Drei Glas Kölsch“ für ihr „Theater im Vringsveedel“ in dem Einakter „Auftakt zur Session“, Untertitel: „Karnevalästerische Klamotteske“. Die Künstlerin lässt zum Schluss die Karnevalspräsidentengattin sagen. „Wahrheit hat mit dem Sitzungskarneval nix zu tun“. Von Trude Herr selbst sind die Sätze überliefert. „Dat mit der Heiterkeit nehmen wir ernst“ und „Das Festkomitee und sein Karneval sind humorlos“.