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Frauen im KarnevalWie sich die Kölnerinnen ein Stück Fastelovend eroberten

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Kläre Weiglein war von 1925 bis 1927 die 1. Regimentstochter der Ehrengarde der Stadt Köln

Kläre Weiglein war von 1925 bis 1927 die 1. Regimentstochter der Ehrengarde der Stadt Köln

Der Karneval war lange hauptsächlich eines: Ein Fest für Männer. Das änderte sich nur langsam.

Frauen und Karneval. Ein richtig inniges Verhältnis hatten die beiden nie. Bereits bei der Neuordnung des Kölner Karnevals 1823 gab es einen Systemfehler, der zunächst nicht weiter aufgefallen ist. Engagierte Herren aus angesehenen und wohlhabenden Familien drängten auf eine Reform des in Verruf geratenen Volksfestes und lenkten es in geordnete Bahnen. Mit zwei entscheidenden Neuerungen: Es gab erstmals einen Maskenzug, in dem alle Rollen mit Männern besetzt wurden. Es gab einen großen Ball im Gürzenich. Da durften die Frauen selbstverständlich mitfeiern. Alles ganz gerecht und zeitgemäß – gemessen an den gesellschaftlichen Verhältnissen vor über 200 Jahren. Wer auf die Idee kam, Frauen eine größere Rolle einzuräumen, stieß auf Widerstand. Wie ein Beispiel aus dem Jahr 1888 zeigt.

August Wilke, Präsident der Großen Kölner KG, an deren Gründung er 1882 maßgeblich beteiligt war, platzte mit Blick auf zwei andere Vereine der Kragen. Erbost schrieb er 1888 an Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm von Becker: „Das sind keine richtigen Karnevalsgesellschaften, da sie alle ihre Sitzungen mit Damen halten und dadurch ihre Existenz sichern.“ Ob das Stadtoberhaupt gegen diese Ungeheuerlichkeit etwas unternommen hat, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass diese beiden Exoten – die Kölner Narren-Zunft von 1880 und die KG Carnevalistischer Reichstag – von den anderen Vereinen wegen ihrer Frauenquoten als nicht vollwertig angesehen wurden.

Einige Frauen schafften es trotzdem, diesen Strukturen zu trotzen. Eine von ihnen ist Kläre Weiglein. Sie war von 1925 bis 1927 die 1. Regimentstochter der Ehrengarde der Stadt Köln. Überliefert ist, dass Kläre Weiglein 1927 an der Seite des Tanzoffiziers Fritz Sonnenberg mit im Rosenmontagszug vertreten war.

Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, duldeten sie keine Männer mehr in Frauenrollen. Die Rolle der Jungfrau musste von einer Frau dargestellt werden, auch die Tanzpaare mussten aus Mann und Frau bestehen. Das war kein Akt, um die Rechte der Frauen zu stärken. „Herren als Damen“ war den Nazis viel zu nah an der Homosexualität. Ab 1936 traten nur noch gemischte Tanzpaare auf. 1938 gab es die erste weibliche Jungfrau im Kölner Dreigestirn. Die Wahl von Vertretern des Festausschusses Kölner Karneval und der Deutschen Arbeitsfront fiel auf die 20 Jahre alte Paula Zapf. Sie arbeitete bei der Bekleidungsfirma Bierbaum-Proenen. Der Betrieb feierte in dem Jahr Jubiläum, er bestand seit 125 Jahren. In der 2012 erschienenen Firmenchronik lässt sich die Jungfrauengeschichte nachlesen.

Jungfrau im Dreigestirn: Die Suche nach „jungen, schlagfertigen und gutaussehenden Mädchen“

„In der Session 1938 konnte die Firmenleitung geschickt das eigene Unternehmen in Szene setzen und gleichzeitig die örtliche NSDAP aus einer argen Kalamität befreien. Nach kölnischer Tradition setzt sich das närrische Dreigestirn ausschließlich aus Männern zusammen, einschließlich der Figur der Jungfrau. In ihrem Kampf gegen die Homosexualität wollte die Partei das ändern: Festausschuss-Präsident Thomas Liessem wurde von Gauleiter Grohé angewiesen, diese Rolle mit einer Frau zu besetzen. Und die größte Auswahl an jungen, schlagfertigen und gutaussehenden Mädchen bot in Köln nun einmal Bierbaum-Proenen. Jedenfalls konnte man ein Mädchen aus dem Volk präsentieren und damit eine Gemeinschaft beschwören, in der die einfache Arbeiterin aus der Hemdenausgabe eines Bekleidungswerks in solche Höhen aufsteigen konnte.“ Paula Zapf soll „überglücklich“ über die Rolle gewesen sein und „ihrem Betrieb alle Ehre“ gemacht haben.

Titelseite der Kölner Illustrierten mit der ersten Frau als Jungfrau im Dreigestirn am 24.2.1938

Titelseite der Kölner Illustrierten mit der ersten Frau als Jungfrau im Dreigestirn am 24.2.1938

Dagegen musste ihre Nachfolgerin im Jahr darauf, Else Horion, überredet werden, die Rolle der Jungfrau zu übernehmen. 1939 arbeiteten die „jungen, schlagfertigen und gutaussehenden Mädchen“ offenbar im Severinsviertel in der Schokoladenfabrik Stollwerck. Die 23 Jahre alte Else Horion war Kindergärtnerin im Werkskindergarten. In der Session 1939/40 sollte es mit Elfriede Figge erneut eine weibliche Jungfrau geben. Die 19-Jährige war kaufmännische Angestellte bei der Westdeutschen Handelsgesellschaft.

Der Karneval fiel allerdings nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 aus. Das „inoffizielle“ Dreigestirn bestand neben der Jungfrau aus dem Prinzen Peter Beu und dem Bauern Christian Massong, beide aus der Prinzen-Garde. Nur einen einzigen Abend lang und ganz heimlich regierte das Trio eine kleine Schar von Jecken. Am Karnevalssonntag, 4. Februar 1940, traf man sich mit Mitgliedern der Prinzen-Garde auf der Kegelbahn des „Charlott Cherie“ an der Brückenstraße zu einer improvisierten Feier.

Rosenmontagszug: Bis in die 70er waren Frauen in Fußgruppen und auf den Wagen nicht gern gesehen

Als es nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Karneval wieder richtig losging, hat man das flugs wieder geändert. Die Jungfrau im Dreigestirn wurde sofort wieder mit einem Mann besetzt. Wegen der Tradition. Bei den Tanzpaaren war die Tradition egal. Es sah irgendwie doch besser aus, wenn eine Frau Tanzmariechen war. Im Veedel feierten Männer und Frauen gemeinsam. Bei den Schull- un Veedelszöch waren Frauen von Beginn an stark vertreten. Der erste Veedelszoch zog 1933 durch die Stadt. 1952 kamen die Schulen dazu und sind seither bei den Schull- un Veedelszöch gemeinsam unterwegs.

Nicht so im Rosenmontagszug. Bis in die späten 1970er Jahre waren Frauen in den Fußgruppen und auf den Gesellschafts- und Festwagen nicht gern gesehen. Ausnahmen gab es: die Tanzmariechen der Traditionskorps, Musikerinnen in den Kapellen und die Frauen in den Tanzgruppen. Die Einhaltung der zölibatären Regeln wurde streng überwacht.

Thomas Liessem, Zugleiter von 1949 bis 1953 (vorher von 1935 bis 1939 Vorsitzender des Festausschusses des Kölner Karnevals), hatte „Spione“ am Zugweg postiert, die genau hinsahen und für jede Gesellschaft einen Punktekatalog ausfüllten. Den höchsten Punktabzug gab es für „Frauen im Zug“. 1964 sah sich das Festkomitee Kölner Karneval bemüßigt, darauf hinzuweisen „dass grundsätzlich keine Frauen auf den Festwagen mitfahren dürfen, es sei denn, es handelt sich um das Tanzpaar der Korpsgesellschaft, eine geschlossene Frauengruppe oder eine zum Thema genehmigte Ausnahme.“

Erst ab 1978 änderte sich das Bild langsam. In dem Jahr waren 400 Frauen dabei, 1982 wurden 1700 Zugteilnehmerinnen gezählt. Aktuell: Von den etwa 12 000 Teilnehmenden stellen Frauen die Hälfte.