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Kölner KarnevalFDP, Diktatoren und Monty-Python-Abklatsch – So war die Stunker-Premiere

Lesezeit 4 Minuten
Die Karnevalssitzung wird von Work-Life-Balance-Expertinnen begleitet zur Stressreduzierung der tradionellen Karnevalisten.

Work-Life-Balance-Expertinnen beraten den Sitzungspräsidenten zur Stressreduzierung der traditionellen Karnevalisten.

Die Stunksitzung hat am Mittwoch Premiere gefeiert. So gut wie niemand blieb von den bissigen Sprüchen und Sketches verschont.

Das Dreigestirn kennt vor lauter Terminen in der Session die Namen der eigenen Kinder nicht mehr. Das Festkomitee empfindet diesen Stress zunehmend als unzeitgemäß und stellt dem Sitzungspräsidenten der Karnevalssitzung Work-Life-Balance-Beraterinnen zur Seite. „Der Elferrat ist leicht dezimiert, weil man die stressgeplagten Luschen, äh Mitmenschen in ihrem kompletten Sein sehen muss“ – der Sitzungspräsident, gespielt von Martina Klinke, reißt sich noch zusammen. Willkommen bei der Premiere der Stunksitzung 2024/25.

Als die Work-Life-Balance-Experten den Tusch als passiv-aggressive Melodie mit paramilitärischen Zügen abtun, den Elferrat in die Teilzeit schicken, damit sie in der Kuschelecke hinter der Bühne auf Sitzsäcken „completely by themselves sein können“, das Dreigestirn Gleitzeit nimmt, um zu „wellnessen“ und schließlich das Tanz-Mariechen aus dem Home-Office zugeschaltet ist: Spätestens dann platzt dem Sitzungspräsidenten die Hutschnur und wird zum krakeelenden Traditionsmonster.

Xi Jinping, Putin mit blanker Brust und Trump: Alle drei wetteifern, wer die größten Bälle hat.

Xi Jinping, Putin mit blanker Brust und Trump: Alle drei wetteifern, wer die größten Bälle hat.

„Ihr macht das alles kaputt, alles, was wir aufgebaut haben, diese Infrastruktur, für die Millionen Menschen, mit Millionen an Umsatz. Das brauchen wir in Köln, das ist unser Reichtum, unser Schatz“. Pause. Und dann: „MEIN Schatz!“. Ende. Großer Applaus.

Stunksitzung im E-Werk: Die AfD nicht beachten klappt nicht so recht

Bei der alternativen Karnevalssitzung im E-Werk wurde am Mittwoch wieder einmal kaum etwas oder jemand verschont: die FDP, Olaf Scholz, Sahra Wagenknecht, die Kölner Lokalpolitik, die Roten Funken, die Diktatoren dieser Welt mit ihren übergroßen, herabhängenden Hoden, SUV-Fahrer und Gartenspießer mit betonierten Terrassen: Die Stunker feuerten ihre bissigen Sprüche in jedwede Richtung.

Allein die Grünen blieben bis auf den Waffenbefürworter Anton Hofreiter weitestgehend verschont. Die AfD wollten die Stunker zwar mit Nichtbeachtung strafen; doch ein Statement mussten sie sich von der Seele reden und das gleich zu Beginn. Sitzungspräsidentin Biggi Wanninger resümiert: „Ävver Arschlöcher sind se doch!“.

Der Anfang plätschert erst einmal so vor sich hin, das Publikum ist noch nicht richtig in Fahrt. Der Gleichgültigkeitsbeauftragten der Stadt Köln, Frau Nittenwilm, die das wichtigste Amt führt, ist alles „ejaaaaal“: von der Kita- und Schulplatznot, von der nie endenden Baustelle Nord-Süd-Fahrt bis hin zur Oper: „Ich war nie drin, ist mir drissejal, ob die aufmacht.“

Die drei von der Tankstelle FDP-Politiker Christian Dürr, Christian Lindner und Wolfgang Kubicki

Die drei von der Tankstelle FDP-Politiker Christian Dürr, Christian Lindner und Wolfgang Kubicki

Stunksitzung in Köln: Die Christian-inisierung der FDP

Der folgende FDP-Sketch, in der die Christian-isierung der FDP beschworen wird, Volker Wissing der Judas ist, und die drei von der Tankstelle – Lindner, Kubicki, Dürr – Autofahrern Begrüßungsgeld zahlen, wenn sie mit ihren SUVs in die Innenstadt fahren und die in Martin-Luther-Manier eine groteske Utopie entwerfen, in der der Grünstreifen auf der Autobahn als grüne Ausweichfläche reichen muss – das alles ist sprachlich pointiert, aber etwas vorhersehbar.

Die ersten Zugabe-Rufe erhält dann die Hausband Köbes Underground, deren Performance mitreißend ist. Die gewinnt das Publikum direkt mit ihrem Cover von Totos „Africa“. Großartig war die Parodie von Elvis-Darstellern: Im nächsten Jahr wäre der King of Rock'n Roll 90 geworden. Ozan Akhan ist mal der spanische Torero-Elvis, dessen Lieder nach Flamenco klingen, mal der japanische Elvis in traditionellem Gewand und dann der orientalische Elvis, der plötzlich wie ein türkischer Popstar klingt.

Der japanische Elvis

Der japanische Elvis

Die Idee, im Rahmen einer Dornröschenparodie den gesellschaftlichen Imperativ „Sei glücklich!“ als konformistisch und verlogen zu entlarven (angesichts der Weltlage ereiferte sich Dornröschen über das „Glücksdiktat“), ist zwar intelligent. Die Umsetzung geriet allerdings hölzern und daher nicht sehr lustig.

Stunksitzung: Monty-Python-Szene leider zu oft gesehen

Eine andere Nummer widmete sich dem verhinderten politischen Genius am Stammtisch, der stets mit großer Lust und noch größerer Selbstgefälligkeit über die Regierung herfällt. Leider wurde zu diesem Zweck wieder einmal die Monty-Python-Szene „Was haben die Römer jemals für uns getan?“ umgeschrieben: „Was hat die Ampelregierung jemals für uns getan?“. Dies war keine gute Wahl, weil die ursprünglich meisterhaft komische Szene schon zahllose Adaptionen nach sich zog, zum Beispiel: „Was haben Gewerkschaften jemals für uns getan?“ oder „Was hat die EU jemals für uns getan?“

Doch die brillanten Momente überwiegen eindeutig. Erwähnt sei der Wortwitz beim Sketch „Sinnieren“, in dem eine Tante-Emma-Verkäuferin (Anne Rixmann) Schwachsinn und rassistischen Stumpfsinn zuhauf verkauft, während Gerechtigkeitssinn und Scharfsinn nicht nachgefragt werden. Und der bitterböse Sketch über die Bundeswehr, die sich zur Rekrutierung neuer Zielgruppen einen progressiven Anstrich verpasst, indem sie etwa Gebärwannen ins Zelt stellt und mit Gratisfern- und Nahreisen wirbt.

Hausband Köbes Undeground bei dem Song „Kassetten“: Eine Liebeserklärung an den Kassettenrekorder.

Hausband Köbes Undeground bei dem Song „Kassetten“: Eine Liebeserklärung an den Kassettenrekorder.

Biggi Wanningers Performance als Stivels Jupp, der die kommende Bundestagswahl mitten in der Session moniert, oder als Engel Trude, die über die Abschaffung der Religion im Himmel erzählt, sind zuverlässige Dauerbrenner. Und noch etliches mehr.

Das große Finale war dann eine Ode an die schottischen Fans während der EM. Die trinkfreudigen, bekloppten, friedlichen Schotten passen wie „Topf auf Deckel“ zu den Kölnern: „Uns verbindet das Feiern und trennt das Sparen“, sagt OB Reker (Doro Egelhaaf). Die FC-Hymne spielt die Tätätära-Army – angelehnt an den Begriff für die Fans Tartan Army – mit Dudelsack. Standing Ovations.

Die Stunksitzung läuft noch bis zum 4. März 2025. Alle Termine unter www.stunksitzung.de