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AntisemitismusDarum bekommt der Kölner Dom ein neues Kunstwerk

Lesezeit 4 Minuten
Ein Wandgemälde hängt über dem Altar der Stadtpatrone.

Visualisierung von Andrea Büttners Wandgemälde in der Hohen Domkirche Köln

Statt die antisemitischen Darstellungen im Dom zu entfernen, will das Domkapitel sie mit einem Werk von Andrea Büttner thematisieren. 

Selbst in aufgeklärten Zeiten wurden die zahlreichen antisemitischen Darstellungen am Kölner Dom lange hartnäckig beschwiegen, ignoriert oder schlichtweg verleugnet. Das fiel auch deswegen leicht, weil viele von ihnen den Tagesbesuchern verborgen blieben. Andere ließen sich hingegen kaum übersehen; etwa die Judenkarikaturen im Chorgestühl. Solche verzerrenden Bilder finden sich auch noch auf dem 1965 fertiggestellten „Kinderfenster“.

Eine gründliche Aufarbeitung des „antisemitischen Doms“ begann in Köln erst in den 2000er Jahren – mit einer Veranstaltung zur „Judensau“ im Chorgestühl und einem Kolloquium der Karl-Rahner-Akademie. Die Frage, wie mit derlei historischen Überbleibseln umzugehen sei, beschäftigt das Kölner Domkapitel seitdem. Es entschied sich dagegen, den Dom von ihnen zu säubern, weil dies einer Leugnung des christlichen Anteils am jahrhundertelangen Antisemitismus gleichkäme. Stattdessen schrieb das Domkapitel einen Wettbewerb unter internationalen Künstlern aus. Die Aufgabe: Ein Werk für den Dom zu schaffen, das einen einordnenden Kontext für die antisemitischen Bilder schafft – und den Dom als Denkmal achtet.

Man wird den Altar nicht mehr ohne Büttners Werk sehen und denken können
Peter Füssenich, Dombaumeister

Jetzt steht der Siegerentwurf fest: Andrea Büttner wird an der Stirnwand der Marienkapelle, direkt über Stefan Lochners weltberühmten „Altar der Stadtpatrone“, ein fotorealistisches Gemälde eines großen Fundamentsteins vor schwarzem Grund auf die nackte Wand malen. Der Standort könnte kaum prominenter sein, wie Dombaumeister Peter Füssenich bemerkte: „Man wird den Altar nicht mehr ohne Büttners Werk sehen und denken können.“

Aber was ist zu sehen? Büttner zeigt eine maßstabsgetreue Kopie des kürzlich unter der Miqua-Baustelle ausgegrabenen Fundamentsteins, auf dem im Mittelalter der Thoraschrein der Kölner Synagoge ruhte. Nach dem Pogrom von 1349 und der „ewigen Verbannung“ aller Juden aus der Stadt im Jahr 1424, widmeten die christlichen Kölner das jüdische Gotteshaus zur Ratskapelle um. An die Stelle des Thoraschreins (auf dessen „erweitertem Fundament“, um mit dem Domkapitel genau zu sein) wurde dann Lochners 1442 vollendeter „Altar der Stadtpatrone“ aufgestellt; erst im Jahr 1810 fand er seinen heutigen Platz im Dom.

Sowohl in der Preisjury als auch im Domkapitel fand Büttners Entwurf einhelligen Anklang; die Entscheidung zugunsten der Berliner Künstlerin soll jeweils einstimmig gefallen sein. Abraham Lehrer, Jurymitglied und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, verglich das titellose Werk mit der sprichwörtlichen „eierlegenden Wollmilchsau“, weil sie sämtliche Anforderungen des Wettbewerbs erfülle. Von einer „Sensation“ sprach Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit: „Judentum und Christentum begegnen einander im Dom auf Augenhöhe.“ Füssenich zerstreute konservatorische Bedenken: Büttners Wandmalerei füge sich auch technisch wunderbar in das Gesamtkunstwerk der Kathedrale ein.

Im Laufe des Jahres 2026 soll Büttners Wandbild fertiggestellt werden. Dann wird es neben Gerhard Richters Domfenster das prominenteste moderne Kunstwerk im Weltkulturerbe sein. Nach Büttners Entwurf schwebt der zerklüftete Stein im Maßstab 211 mal 85 Zentimeter über einer tiefschwarzen Fläche, die ungefähr den Maßen des Flügelaltars entspricht. Es passt sich seinem Untergrund an und wird durch die Zierleisten des Mauerwerks zerschnitten. Aber der Kölner Weihbischof Rolf Steinhäuser geht nicht fehl, wenn er den schwebenden Stein „extraterrestrisch“ nennt. Er ist ein Fremdkörper und soll es auch sein.

Büttners Werk ist keine dunkle Gedankenwolke über dem Altar

Doch dieser Fremdkörper lastet nicht wie eine dunkle Gedankenwolke auf dem Altar, sondern irritiert die Wahrnehmung auf leichte Weise. Unter den 15 Wettbewerbsentwürfen sticht Büttners Werk auch insofern heraus, als es eine historisch-aufgeklärte Konzeption mit einem konkreten Gegenstand verbindet. Um die Beziehung zwischen Altar und Fundamentstein zu verstehen, muss man nicht mehrfach um die Ecke denken, es genügt ein geschichtlicher Exkurs. Und zugleich geht das Gemälde nicht einfach in seiner Botschaft auf. Es bleibt als sich selbst genügendes Kunstwerk sichtbar, nachdem man es verstanden hat.

Die 15 Entwürfe werden bis zum 17. April im Dom und danach im Domforum vorgestellt. Unter ihnen sind gleich zwei Arbeiten, die die frei gebliebenen Arkadennischen der Nordwand mit abstrakten Negativformen füllen sollten. Christoph Knecht sah für die Nischen schwarze Spiegelflächen vor, Leon Kahane reflektierende Quader aus weiß glänzendem Sumpfkalk. Neue Fenster hatten unter anderem Roy Mordechay, Ilit Azoulay, Maria Eichhorn und Ariel Schlesinger vorgesehen – letzterer wollte die Buntglasscheiben des „Kinderfensters“ umdrehen, um das Licht spiegelverkehrt ins Innere fallen zu lassen.

Auch die Kölner Künstlerin Julia Scher hatte sich des „Kinderfensters“ angenommen; hängende Glasscheiben sollten deren Motive sowie die Besucher ineinander spiegeln. Einen schlichten Schriftzug wollte Simon Wachsmuth am Nordquerhaus anbringen: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“, eine Frage der Heiligen Drei Könige. Vielleicht etwas zu aufwändig für einen Touristenort fiel dagegen Azra Aksamijas in die engere Auswahl gekommener Entwurf „Staub zu Licht“ aus: Sie wollte einen Vorhang aus kleinen Glasgefäßen ins Nordquerhaus hängen, dessen durch eingeschmolzenen Domstaub geschwärzter Teil für die Vergangenheit, ein vergoldeter, reflektierender Teil für die Gegenwart und ein transparenter für die Zukunft gestanden hätte.