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Lesermeinungen„No show“-Gebühr beim Arzt ein „schlechter Witz“

Lesezeit 6 Minuten
Auf einem Terminvordruck ist ein Termin für einen Arzttermin handschriftlich angekreuzt und notiert; auf dem Zettel liegt ein Stethoskop.

Erinnerungsnotiz für einen Arzttermin

Ärzte klagen über Patienten, die Termine nicht wahrnehmen und fordern Strafgebühren. Patienten wehren sich dagegen. 

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, fordert eine Strafgebühr für Patienten, die zu vereinbarten Arztterminen nicht erscheinen. Nach Angaben eines Bonner Kinderarztes versäumen in seiner Praxis 77 Patienten pro Quartal ihre Termine. Die Gebühr für das Nichterscheinen von Patienten soll von den Krankenkassen zu zahlen sein. Leserinnen und Leser sind unterschiedlicher Meinung zu Strafen für Terminschwänzer:

Strafgebühren beim Arzt: „Schlechter Witz“

Ich empfinde die Forderung von Ärztevertretern, von bis zu 100 Euro pro nicht wahrgenommenem Termin einzuziehen – bestenfalls einfach über direkte Abrechnung mit den Krankenkassen –, als schlechten Witz. Wenn schon eine derartige Gebühr gefordert wird, dann sollte man im Gegenzug auch entsprechende Entschädigungszahlungen für praxisseitige Verspätungen vorsehen, vergleichbar denen bei Bahn- oder Flugreisen.

Ein an Unverschämtheit grenzendes Unding ist es, dass es Arztpraxen gibt, die bereits in ihrem Aufnahmebogen für Neupatienten als „Allgemeine Geschäftsbedingungen“ festhalten, dass bei einem nicht wahrgenommenen Termin eine vom Patienten zu leistende Strafzahlung fällig wird, man als Patient aber im umgekehrten Fall der in der Regel auftretenden verlängerten Wartezeit – die trotz Terminvereinbarung selten unter einer halben Stunde liegt –, keinerlei Handhabe hat und entsprechende Hinweise auf die Unpünktlichkeit der Praxis bestenfalls mit netten Worten, oft aber leider auch pampig abgebügelt wird.

Für Verspätungen aufgrund der Notwendigkeit der Behandlung von Notfällen habe ich grundsätzlich durchaus Verständnis. Die erhobene Forderung ist des Weiteren auch deshalb komplett absurd, da im Gegensatz zu „No shows“ bei Hotelreservierungen oder am Abfluggate Hotelzimmer oder Passagierplätze eben nicht kurzfristig nachbesetzt werden können.

Es gibt wohl keine Arztpraxis, in der der Arzt oder die Ärztin bei einem durch den Patienten nicht wahrgenommenen Termin beschäftigungslos und däumchendrehend dasitzen, während sie auf den nächsten Patienten warten. Vielmehr kann der Termin eines nicht erscheinenden Patienten sofort an einen in der Warteschlange Stehenden weitergegeben werden und somit zur Entspannung der unter Terminnot leidenden Praxissituation beitragen. Manfred Klemm Much

Strafgebühr: „Es ist respektlos, wenn ein Termin nicht abgesagt wird “

Jeder weiß, wie schwierig es ist, einen Termin bei einem Arzt zu bekommen. Ich arbeite in einer Arztpraxis und wir Mitarbeiter versuchen alles so zu planen, dass keiner lange warten muss. Aber wie ist es richtig? Man kann vorher nie wissen, wie lange es bei einem Patienten dauert. Planen wir zu eng, dann kann es sein, dass der Patient warten muss, aber planen wir mehr Zeit ein und der Patient kommt nicht, dann entsteht eine Lücke.

Es gibt Tage, da erscheinen vier bis fünf Patienten nicht. An anderen Tagen kommt jeder Angemeldete. Es kommt sogar vor, dass Patienten kurzfristig einen Notfalltermin bekommen und diesen dennoch nicht wahrnehmen. Es ist einfach respektlos, wenn ein Termin nicht abgesagt wird, obwohl andere Patienten diesen Termin dringend gebraucht hätten. Es geht nicht um das Geld, das verloren geht, sondern um Erziehung und Bewusstsein. Denn auch wenn eine Praxis telefonisch nicht zu erreichen ist – es gibt nun einmal Mitarbeitermangel –, kann man per E-Mail oder auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen.

Wer will und wem es wichtig ist, der findet Möglichkeiten. Und wenn Termine über Online-Portale gebucht werden, bekommt der Patient eine Terminbestätigung und sowohl einen Tag vorher als auch am Tag selbst eine Erinnerung. Daher dürfte es wohl möglich sein, einen Termin nicht zu vergessen beziehungsweise ihn rechtzeitig zu stornieren. Nicht die Krankenkassen sollten den Terminausfall tragen, sondern die Patienten selber. Sonst wird sich nie etwas ändern. Gleichgültigkeit und Egoismus überwiegen dann weiterhin. Sabine Boes Bergisch Gladbach

Strafgebühr: Arzttermin-Absagen telefonisch kaum noch möglich

Als Arzthelferin im Ruhestand musste ich herzlich über den Artikel über den Ärzte-Vorstoß zu Straf- beziehungsweise Ausfallgebühren für nicht eingehaltene Arzttermine lachen. Die Erreichbarkeit der Ärzte ist doch telefonisch fast gar nicht mehr gegeben. Termine gibt es nur noch über das Online-Portal „Doctolib“, womit die ältere Generation ein riesengroßes Problem hat, und ans Telefon geht in den Praxen selten noch jemand. Und dann sollen Patienten, die ihren Termin telefonisch nicht stornieren können, noch Strafgebühr bezahlen? Das schlägt dem Fass den Boden aus! Sibylle Vogt-Walter Kerpen

Rücksichtnahme gebietet, Arzttermine rechtzeitig abzusagen

Ich kann der Forderung von Axel Gerschlauer nach Strafzahlungen wegen nicht abgesagter Termine nur zustimmen. Wenn man in der Lage ist, einen Arzttermin zu reservieren, ist man auch in der Lage, einen Termin abzusagen. Das hat vor allem etwas mit Respekt, Höflichkeit und Rücksichtnahme zu tun und sollte eigentlich selbstverständlich sein – nicht nur bei Arztterminen. Britta Burgmann Bornheim

Strafgebühren nur bei Gegenseitigkeit

Bekommt der Patient auch Geld, wenn er trotz Termin mehr als eine Stunde wartet oder sein Termin – aus welchen Gründen auch immer – abgesagt oder seine Operation verschoben wird? Helga Eickmann Köln

Das Foto zeigt die Oberfläche einer Online-Arzttermin-Buchungs-App. Patienten können zwischen Optionen wie „Termin vereinbaren“, „Rezept anfordern“ etc. wählen.

Viele Arztpraxen bieten die Möglichkeit, Termine online zu vereinbaren.

Patienten-Schelte für Versäumen von Terminen unangebracht

Abgesehen davon, dass ich nichts von dem Vorschlag, Strafgebühren für nicht eingehaltene Arzttermine zu fordern, halte, frage ich: Hat man, anstatt gleich Patienten-Bashing zu betreiben, erst einmal Ursachenforschung betrieben? Sieht man sich den Zeitraum vom Beginn der Beschwerden und einem Termin bei einem Arzt einmal genauer an, so könnte es sein, dass in der langen Zeit dazwischen die Beschwerden verschwunden sind, im ungünstigsten Fall durch Ableben des Patienten.

Und es kann durchaus vorkommen, dass Patienten aus lauter Verzweiflung bei verschiedenen Ärzten Termine buchen, um überhaupt einen zeitnahen Termin zu bekommen. Dass Online-Buchungen dies erleichtern, ist halt der Preis, wenn man so etwas digital anbietet. Das senkt die Hemmschwelle. Frank Glaubitz Köln

Arzttermin-Mangel und Termin-Versäumnis hängen zusammen

Ich bin Privatpatient, meine Frau Kassenpatientin. Im Mai vergangenen Jahres brauchte sie einen Facharzttermin, den sie dann erst für Oktober bekam. Da ich einen Monat später, also im Juni, auch einen Termin bei diesem Facharzt vereinbaren wollte und zufällig in der Nähe der Praxis zu tun hatte, bin ich einfach reingegangen und habe gefragt. Antwort: „Wenn Sie ein paar Minuten Zeit haben, können Sie gleich hierbleiben.“ Hä? dachte ich und blieb. Zehn Minuten später wurde ich untersucht und bekam einen Folgetermin für dieselbe Woche.

Aufgrund der derzeitigen Diskussion kommt mir folgende Idee: Ich vereinbare einen Termin bei dem Facharzt, den meine Frau eigentlich zeitnah braucht. Dann schicke ich sie zu dem Termin und sie sagt, dass ich kurzfristig verhindert bin und sie die Terminlücke füllen könnte. Dadurch würde ihr Termin in drei Monaten wieder frei. Tolle Sache, oder? Spannend ist jetzt, ob sie dann auch behandelt oder wieder nach Hause geschickt würde und ich dann eine Strafgebühr wegen des geplatzten Termins zahlen müsste. Welche Blüten dieses System schon treibt und wohl noch treiben wird, wäre ein Thema für eine Satire-Show. Hans Gerd Schneider Bedburg