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Aschaffenburg, Magdeburg, HanauWar es „Terror“ – oder eine psychische Krankheit?

Lesezeit 6 Minuten
Zwei Teddybären und zahlreiche Kerzen stehen im Aschaffenburger Park. Dort fand ein stilles Gedenken nach dem tödlichen Messerangriff statt.

Zwei Teddybären und zahlreiche Kerzen stehen im Aschaffenburger Park. Dort fand ein stilles Gedenken nach dem tödlichen Messerangriff statt.

Alle reden über Terror. Dabei eint die Taten von Magdeburg, Aschaffenburg und Hanau etwas anderes.

Was geht in jemandem vor, der mit seinem Auto mitten in eine Menschenmenge fährt, auf einem dicht bevölkerten Weihnachtsmarkt, rasend, mit mörderischer Wucht? Staatsanwälte, Verteidiger und Experten für Psychiatrie sprechen darüber dieser Tage mit einem, der dies getan hat. Es sind leise Gespräche hinter hohen Mauern.

Taleb Jawad Al Abdulmohsen (50) hinterließ bei seiner furchtbaren Bluttat am 20. Dezember 2024 in Magdeburg sechs Tote und eine dreistellige Zahl von Verletzten. CNN schaltete an diesem unvergessenen Tag live nach Germany, der deutsche Bundespräsident setzte sich an eine neue Version seiner Weihnachtsansprache.

Letzte Signale zeigen Verwirrung pur

Inzwischen sitzt Abdulmohsen in der Justizvollzugsanstalt Dresden. Die Justiz hat ihn verlegt, sie will etwas mehr Distanz schaffen zwischen ihm und den Angehörigen der Opfer im Raum Magdeburg. Zudem ist ein Trennstrich gewünscht zum Justizvollzugsdienst in Sachsen-Anhalt. Dort nämlich, in Bernburg, war der im Jahr 2006 in Deutschland anerkannte Asylbewerber aus Saudi-Arabien zuletzt angestellt, als Facharzt für Psychiatrie in einer Abteilung für Suchtkranke. Gutachter prüfen jetzt eine mögliche Paradoxie: War der zugewanderte Psychiater seinerseits psychisch krank, vielleicht schon seit vielen Jahren?

Ein Blick auf den abgesperrten Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg fuhr ein Autofahrer in eine Menschengruppe.

Ein Blick auf den abgesperrten Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg fuhr ein Autofahrer in eine Menschengruppe.

Die letzten Signale, die Abdulmohsen vor der Tat gab, deuten auf Verwirrung pur hin. In einem Video klagte er, ein deutscher „Agent“ habe ihm einen Memory-Stick gestohlen. Verantwortlich dafür sei aber das deutsche Volk als Ganzes. Dann kommt es noch dicker: Die deutsche Nation sei auch „verantwortlich für die Tötung von Sokrates“.

Passagen wie diese veranlassten den Generalbundesanwalt in Karlsruhe, einen Bogen um die Sache zu machen. Der höchste deutsche Strafverfolger hätte die Ermittlungen an sich ziehen können im Fall einer einigermaßen klaren politischen Begründung des Blutbads. Doch die fehlte ihm. Diskret rief er seine Kollegen in Magdeburg an und ließ sinngemäß wissen, sie sollten den Fall ohne ihn ahnden. Allzu deutlich seien die Hinweise auf eine Wahnvorstellung.

Der nächste seltsame Fall

Was ist Terror? Und was ist nur noch krank? Noch bevor mit Blick auf Magdeburg Klarheit geschaffen werden kann, schockiert die nächste grausige Tat ganz Deutschland: In Aschaffenburg ging ein 28 Jahre alter Asylbewerber aus Afghanistan in einem Park mit dem Messer auf Kleinkinder los, tötete einen zwei Jahre alten Jungen und verletzte ein ebenfalls zwei Jahre altes Mädchen. Ein Passant, der rettend dazwischengehen wollte, erlitt ebenfalls tödliche Stiche.

Bundeskanzler Olaf Scholz sprach von einer „unfassbaren Terrortat“. Als müsse er mit Blick auf Täter und Tat andere noch von seiner Abscheu überzeugen, fügte Scholz in einem Tweet hinzu: „Da ist falsch verstandene Toleranz völlig unangebracht.“

Aber wer, bitte, würde wohl Messerattacken auf Kleinkinder auch nur im Entferntesten tolerieren? Alles deutet in diesem seltsamen Fall auf eine Psychose, die unbehandelt blieb, obwohl der 28-jährige Täter immer wieder bei Behörden und Psychiatrie auffällig geworden war.

Es ist Wahlkampf. Und da soll jetzt alles zackig klingen. Regierende nehmen populistische Posen ein, Oppositionelle hängen dem Kanzler eine Mitverantwortung um. Über „Staatsversagen“ klagen wortgleich Sahra Wagenknecht (BSW) und Christian Lindner (FDP). Doch der Staat versagt an ganz anderer Stelle als gedacht. Schon die redliche Einordnung des Geschehens geht schief.

Was genau macht den Terror zum Terror?

Seit vielen Jahren blickt Deutschland auf einen „Terror“, der immer weniger ins Raster passt. Nach dem Anschlag in Hanau etwa, wo Tobias Rathjen (43) im Februar 2020 neun Menschen mit Migrationshintergrund erschoss, war aus naheliegenden Gründen von rechtsextremistischer Gewalt die Rede. Warum aber erschoss Rathjen am Ende auch seine Mutter? Und warum klagte er schon im Januar 2002 auf einer Polizeidienststelle, er werde „durch die Wand und durch die Steckdose abgehört, belauscht und gefilmt“?

Was ist eine vorsätzliche Gewalttat? Was einfach nur noch Wahnsinn? Im März 2015 haben die Deutschen gelernt, dass es zu einem sprachlos machenden Massenmord keineswegs einer politischen Bewimpelung bedarf. Ganz ohne Worte ließ der psychisch kranke Germanwings-Pilot Andreas Lubitz auf einen Schlag 150 Menschen sterben.

Wir alle sollten aufmerksamer und hilfsbereiter sein, wenn Menschen psychische Probleme zeigen
Borwin Bandelow, Psychiatrieprofessor

„Wir alle sollten aufmerksamer und hilfsbereiter sein, wenn Menschen psychische Probleme zeigen“, sagt nach vielen Jahrzehnten Berufspraxis der Göttinger Psychiatrieprofessor und Buchautor Borwin Bandelow. „Das könnte manches verhindern, sogar so schlimme Dinge, die wir am Ende Mord nennen, erweiterten Selbstmord oder Terror.“

Was genau macht den Terror zum Terror? Zu den wenigen Gewissheiten gehört jedenfalls diese: Ein wirklich gefährlicher Terrorist meldet sich nicht vor seiner Tat immer wieder bei den Behörden. Genau das aber tat der Magdeburger Amokfahrer.

Rettungskräfte und Kriminaltechniker gehen in Aschaffenburg eine kleine Brücke hinauf. Bei einer Gewalttat in einem Park sind zwei Menschen durch ein Messer getötet worden.

Rettungskräfte und Kriminaltechniker gehen in Aschaffenburg eine kleine Brücke hinauf. Bei einer Gewalttat in einem Park sind zwei Menschen durch ein Messer getötet worden.

Abdulmohsen sei „ein Islamist“, verkündete Alice Weidel eiskalt bei einer AfD-Kundgebung in Magdeburg. Tatsächlich aber war Abdulmohsen in umgekehrter Richtung aktiv, immer wieder beschwerte er sich bei hiesigen Stellen, Bund und Länder täten zu wenig gegen die totalitäre Bedrohung durch den Islam im Allgemeinen und durch die saudische Führung im Besonderen.

Ein Täter, der selbst Angst hat

Im Alter von 20 Jahren hat sich Abdulmohsen vom Islam losgesagt. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe. Manche glauben, Abdulmohsen habe sich auch hierzulande verfolgt gefühlt vom saudischen Geheimdienst. Plagten ihn gewisse unter saudischen Regimegegnern nicht ganz aus der Luft gegriffene Ängste? Schleppte der Psychiater seinerseits eine Paranoia als wahnhafte Störung mit sich herum? Dummerweise schließt das eine das andere nicht aus.

Das Regime in Riad jedenfalls ist schon oft mit extremer Brutalität gegen Kritiker vorgegangen, auch im Ausland. Unvergessen ist die Ermordung des „Washington-Post“-Kolumnisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018. Der im Exil lebende Khashoggi wollte im saudischen Konsulat in Istanbul Dokumente beantragen, die er für die Hochzeit mit seiner türkischen Verlobten brauchte. Dass er das Konsulat betrat, ist dokumentiert. Danach verliert sich seine Spur. Türkische Stellen besitzen Tonaufnahmen, die darauf hindeuten, dass Khashoggis Leiche an Ort und Stelle von Mitarbeitern des saudischen Geheimdienstes mit chirurgischem Besteck zerstückelt wurde.

Die spezielle Szenerie saudischer Oppositioneller jedenfalls mit ihren Doppelbödigkeiten und Bedrohungen kann auch für robuste Naturen zur Belastung werden. Abdulmohsen, so scheint es, ging zuletzt wohl von einer Verschwörung gegen ihn aus, in die längst auch die Deutschen einbezogen sind.

Der Sonderling Matthew Crooks

Die Wahnsinnstat von Magdeburg wäre damit nicht entschuldigt, aber erklärt: als Tat eines Mannes, der selbst in Angst lebte und zuletzt den Verstand verlor. Niemand wird dadurch wieder lebendig. Aber man könnte Lehren ziehen für einen redlicheren, wahrhaftigeren Umgang mit Taten wie diesen, die wir Terror nennen. Lassen sie sich vielleicht auf ganz andere Weise verhindern als durch mehr Polizei und den starken Mann?

Das Bild zeigt Matthew Crooks. Er gab im Juli 2024 in Butler, Pennsylvania, mehrere Schüsse auf Donald Trump ab.

Ein Schüler, der keine Freunde hatte: Matthew Crooks gab im Juli 2024 in Butler, Pennsylvania, mehrere Schüsse auf Donald Trump ab.

Thomas Matthew Crooks, ein Kind aus der weißen Mittelschicht im Umland von Pittsburgh, musste über Jahre hinweg mittags in der Highschool immer allein in der Kantine sitzen. Denn die anderen Jugendlichen fanden Crooks komisch, schon wegen seiner ältlich und ländlich wirkenden Kleidung. Das erzählten sie am 13. Juli 2024 Fernsehteams aus dem In- und Ausland. An diesem Tag wurde Crooks vom Secret Service der USA erschossen, auf einem Dach in Butler, Pennsylvania. Von dort aus hatte der einsame junge Mann während eines Wahlkampfauftritts von Trump mehrere Schüsse abgegeben. Einer traf Trump am Ohr.

Hätte man das Heranreifen des Sonderlings Crooks verhindern können, schon Jahre zuvor: durch etwas mehr Freundlichkeit, Menschlichkeit, normales Miteinander an der Highschool? Gefährlich jedenfalls, so zeigt sich, wird es immer dann, wenn einsame Männer unerkannt in psychische Krankheiten abdriften.