Top-Wissenschaftler verlassen die USA – zwei werden bei den Gründen überdeutlich. Trump geht derweil weiter auch gegen Studierende vor.
Forscher flüchten vor US-Faschismus„Ich befürchte, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen wird“

Die Politik von Donald Trump verschreckt die US-amerikanische Wissenschaft.
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Der laut seinen Kritikern „faschistische“ Umbau der USA durch Präsident Donald Trump und sein Kabinett macht auch vor den Universitäten des Landes keinen Halt. Nun haben mit Timothy Snyder, Marci Shore und Jason Stanley gleich drei international anerkannte Top-Wissenschaftler der Elite-Universität Yale den Rücken gekehrt – und ihren Umzug nach Kanada verkündet.
Während der Historiker Snyder vor allem „persönliche Gründe“ für den Schritt ins Feld führte, ließen Shore und Stanley keinen Zweifel daran, was für ihre Entscheidung verantwortlich gewesen ist. „Die Trump-Regierung möchte die USA zerstören und nimmt sich dabei all die Dinge vor, die unser Land groß machen“, erklärte Stanley seinen Schritt in einem Interview mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Spiegel“, dazu zählten auch „die Universitäten“, fügte der Faschismusforscher an.
Mehrere Experten nennen Trump „faschistisch“
Seine Abkehr von Yale begründete der Philosophie-Professor auch damit, dass es ihm „peinlich“ sei, weiterhin an einer der US-Hochschulen zu unterrichten. „Ich empfinde das gegenwärtige Verhalten der amerikanischen Universitäten als hochgradig unangenehm. Ich will damit nichts zu tun haben.“
Stanley wirft den Universitäten des Landes vor, sich nicht geschlossen gegen den Kurs von Donald Trump zu stellen. Diese „Feigheit“ zeige sich aber auch in der Medienlandschaft, so Stanley. „Als das Weiße Haus die Nachrichtenagentur AP aus dem Briefing Room warf, hätten alle anderen Medien sich hinstellen und sagen müssen: Dies ist ein Angriff auf uns alle. Sie hätten die Pressekonferenzen boykottieren müssen. Aber statt einander zu verteidigen, versuchen alle nur, sich selbst zu schützen.“
In der seit Monaten laufenden Debatte darüber, ob Trumps Kurs faschistisch sei, positionierte sich der Philosoph ebenfalls eindeutig. „Ich kenne niemanden, der sich mit dem Thema beschäftigt, der nicht sagen würde: Es ist Faschismus“, erklärte Stanley im Gespräch mit dem „Spiegel“. Alle Kriterien dafür würden zutreffen, befand der Professor. Ähnlich hatte sich auch der Kölner Politologe Thomas Jäger im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ geäußert.
„Es gibt die Verklärung der Vergangenheit, die Betonung des Wir-gegen-die, die Kultur der Lüge, das Verdammen von Komplexität, den Glaube an Hierarchien, die Feier einer Ordnung, die von oben festgelegt wird. Es ist alles da“, bekräftigte Stanley seine Bewertung.
„Hitler gerade durch Vulgarität attraktiv“
Das ändere sich auch nicht dadurch, dass Trump auf viele wie ein lustiger Clown wirke, den manche durchaus „herrlich albern“ fänden, erklärte Stanley. Der „Spaß“ täusche, erklärte der Faschismusforscher. „Man darf nicht vergessen, dass es gerade seine Vulgarität war, die Adolf Hitler für viele Menschen so attraktiv machte. Dass es ein einfacher Postkartenmaler war, vor dem die Elite das Knie beugen musste.“
Wie Stanley, der sich in einem Gespräch mit der „Zeit“ offen für einen Job an einer deutschen Universität zeigte, wechselt auch die Osteuropa-Expertin Marci Shore nun an eine Universität in Toronto. Während Timothy Snyder, ihr Mann, sich nicht ausführlich zu seinen Beweggründen äußerte, ließ Shore kaum Interpretationsspielraum offen.
„Natürlich hat die amerikanische Katastrophe eine Rolle für unsere Entscheidung gespielt“, sagte Shore gegenüber „Toronto Today“. Persönliches und Politisches seien, wie so oft, miteinander verwoben, erklärte sie außerdem. „Unsere endgültige Entscheidung haben wir nach den Wahlen im November getroffen.“
US-Regierung setzt Sanktionen gegen Universitäten fort
Das Land befinde sich im freien Fall, warnte die Osteuropa-Expertin. Die zweite Trump-Regierung drohe viel schlimmer zu werden als die erste, sagte sie zudem dem Fachmagazin „Inside Higher Ed“ am Wochenende. „Ich befürchte, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen wird. Und ich möchte meine Kinder nicht in so etwas hineinziehen“, wählte die Wissenschaftlerin drastische Worte.
Die US-Regierung hat ihre Restriktionen gegen Universitäten und Studierende unterdessen fortgesetzt. Nachdem das Weiße Haus zuletzt der Columbia University mit der Streichung aller Geldmittel gedroht hatte, warnte Außenminister Marco Rubio jüngst ausländische Studierende vor dem Entzug ihres Visums, sollten sie „Unruhe“ in den USA stiften. „Wir machen das jeden Tag, jedes Mal, wenn ich einen dieser Verrückten finde“, erklärte Rubio, der damit Bezug auf die kürzliche Verhaftung von Rümeysa Öztürk nahm.
Doktorandin wird auf offener Straße in den USA verhaftet
Die türkische Doktorandin war zuvor auf offener Straße von Beamten des Heimatschutzministeriums in dunkler Zivilkleidung gestoppt und festgenommen worden. Die verstörenden Bilder aus einer Überwachungskamera sorgten international für Entsetzen. Die Doktorandin war im Jahr 2014 als Co-Autorin eines Artikels in einer Studentenzeitung aufgeführt worden, in dem ihre Hochschule, die Tufts Universität in Boston, aufgefordert wurde, anzuerkennen, dass es klare Hinweise auf einen Völkermord an Palästinensern gebe.
Nach ihrer Festnahme wurde Öztürk nach Angaben der US-Behörden trotz einer gegenteiligen richterlichen Anordnung in den Bundesstaat Louisiana verlegt – in ein 2.500 Kilometer entferntes Gefängnis der Einwanderungsbehörde ICE.