Dem 57-Jährigen und seiner Tochter aus Bergisch Gladbach werden zahlreiche Vergehen zur Last gelegt. Was die Ermittler schon wissen.
Prozess startet in KölnRösrather hat mutmaßlich Millionenbetrug mit Corona- und Flut-Hilfsgeldern begangen

Am Kölner Landgericht startet am Donnerstag (3.4.) der Prozess. Die Staatsanwaltschaft hat 57 Fälle angeklagt.
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Lukas S. (Name geändert) war allem Anschein nach ein findiger Kopf, allerdings nicht im positiven Sinn. Das Talent soll sich darin gezeigt haben, besonders clever staatliches Geld abzugreifen. Coronasoforthilfe, Flutaufbauhilfe, Novemberhilfe- und Subventionsbetrug in Millionenhöhe wirft die Kölner Staatsanwaltschaft dem deutsch-polnischen Mann nun vor.
Geldwäsche schob virtuos Geld hin und her
Der 57-Jährige soll die vom Staat bezogenen Summen virtuos zwischen polnischen und deutschen Firmen seiner Tochter hin und hergeschoben haben, bis das Geld „sauber“ war. Auch als mutmaßlicher Betrüger verdingte sich S.. So soll er mit fingierten Einkäufen von Cannabis-Produkten, Trüffel und Kaviar im großen Stil die überforderten staatlichen Kontrolleure in NRW und Ostdeutschland hinters Licht geführt haben.
Als die Ermittlungsgruppe mit dem bezeichnenden Namen „EG Trüffel“ den Unternehmer, seine Tochter sowie die damalige Lebensgefährtin am 11. Juni 2024 an ihren Wohnsitzen in Rösrath und Bergisch-Gladbach verhaftete, beschlagnahmten sie einen Ferrari Spider 485 und Goldbarren. In Slowenien wurde eine Segeljacht Modell Bavaria des Beschuldigten konfisziert.
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Vorwürfe: Von Versicherungsbetrug bis hin zu unerlaubtem Waffenbesitz
Von Donnerstag an müssen sich Lukas S., seine Ex-Partnerin und seine Tochter vor dem Kölner Landgericht verantworten. Es geht um Subventions- und versuchten Versicherungsbetrug, um Geldwäsche, Steuerhinterziehung und unerlaubten Waffenbesitz.
Die Staatsanwaltschaft hat 57 Fälle angeklagt. Der Prozess könnte einmal mehr zeigen, wie leicht es mutmaßlichen Betrügern wie S. in der Corona-Hochphase fiel, die zuständigen staatlichen Stellen um Millionen zu erleichtern. Angesichts der Flut von Hilfsanträgen, schlüpfte der Hauptangeklagte geschickt unter dem Kontrollradar hindurch. Dies legt die Anklage nahe, die der „Kölner Stadt-Anzeiger“ einsehen konnte.
Coronasoforthilfe und falsche Rechnungen über Kaviar und Trüffel
Wie dreist die Gruppe um S. bei Coronasoforthilfen vorgegangen sein soll, sollen laut Anklage folgende Fälle beweisen: So überwies die sächsische Aufbaubank (SAB) an eine Baugesellschaft 9000 Euro, obschon die Firma seit fünf Jahren beim Gewerbeamt in Dresden abgemeldet war.
Mit falschen Rechnungen über den Einkauf von Kaviar und Trüffeln soll Lukas S. sich über einen Hotelbetrieb bis Ende April 2021 gut 150.000 Euro erschlichen haben. Bald folgten 156.000 Euro über die „Novemberhilfe“. Andere Firmen im unternehmerischen Geflecht von S. strichen weitere sechsstellige Beträge im Zusammenhang mit gefälschten Lieferscheinen über 300 Dosen Osietra-Kaviar à 50 Gramm ein.
Die mitangeklagte Tochter gründete laut der Ermittlungen 2020 diverse Vorratsgesellschaften. Über diese wurden entzündungshemmende Mittel - etwa ein Cannabis-Extrakt wie Cannflavin - zum Schein gekauft. Mit fingierten Rechnungen soll S. an einen Komplizen 100 Gramm Cannflavin A Isolat-Pulver für sieben Millionen Euro veräußert haben. Der angebliche „Käufer“ versicherte den Transport der brisanten Ware, die inzwischen angeblich zu einem Öl verarbeitet worden war.
Als die wertvolle Fracht auf einem Reiterhof in Görlitz gelandet sein sollte, fuhr ein Radlader in den Transporter. Später soll der Unfallfahrer bekundet haben, dass er ohnmächtig geworden sei. Die mutmaßlichen Betrüger um Lukas S. forderten von der Transportversicherung fünf Millionen Euro, weil das Cannflavin-Öl ausgelaufen sei. Da die Versicherung nicht zahlen wollte, dauert auch der Zivilstreit noch an.
Zudem sollen sich die Angeklagten „außerordentliche Wirtschaftshilfe“ von gut 160.000 Euro bei der Bezirksregierung Köln mit falschen Angaben erschlichen haben. Weitere Posten waren etwa 7500 Euro Neustarthilfe für eine Firma, die nur 277 Euro Umsatz generierte.
Auch Aufbauhilfe für Flutopfer erschlichen
Die Ergebnisse der Ermittlungen legen nahe, dass die Angeklagten nach der Flutkatastrophe 2021 wohl ein neues Geschäftsfeld entdeckten: Die Aufbauhilfe für betroffene Hochwasseropfer. Auf Geheiß ihres Vaters soll die Tochter Angela S. (Name geändert) bei der NRW.Bank einen Verlust in siebenstelliger Höhe geltend gemacht haben.
Demnach sollen in ihrem Haus in Bergisch Gladbach teure Gesundheitsmittel wie Cannflavin in der Flutnacht im Juli 2021 weggespült worden sein. Erneut legten die mutmaßlichen Betrüger der Bank einen fingierten Kaufvertrag und falsche Lieferscheine vor. Die NRW.Bank überwies den Angeklagten am 11. April 2023 knapp eine Million Euro für einen Schaden, den es nie gab.
Lukas S. ist eine schillernde Figur, die schon vor der Pandemie juristisch auffiel. Die polnischen Behörden suchen ihn mit internationalem Haftbefehl. Er soll an einem Umsatzsteuerkarussell mit Goldgranulat beteiligt gewesen sein und den polnischen Fiskus um sieben Millionen Euro betrogen haben. Im Februar 2013 durchsuchte die Justiz jenseits der Grenze sein Domizil.
176.000 Euro Bargeld und Goldbarren sichergestellt
Dabei stellte man 176.000 Euro in bar und Goldbarren mit einem Gesamtgewicht von gut hundert Kilogramm sicher. Unter fragwürdigen Umständen gab der zuständige Staatsanwalt den Goldfund 2019 wieder an die Verdächtigen zurück. Im Zuge eines Ermittlungsverfahrens gegen Personen aus dem früheren Umfeld des Angeklagten in Görlitz fanden sich Dokumente mit Hinweisen auf Anschlagspläne gegen eine polnische Staatsanwältin.
Die polnische Justiz beantragte 2021 eine Auslieferung von S., das Oberlandesgericht Dresden lehnte ab. Unter anderem wegen eines Attests eines Allgemeinmediziners aus Görlitz, der dem mutmaßlichen Betrüger eine schwere chronische Erkrankung bescheinigt hatte.
Später zog S. nach Rösrath, in die Nähe seiner Tochter. Mit ihr soll er den Subventionsschwindel in der Corona-Phase perfektioniert haben. Im Prozess wird es insbesondere auf ihre Aussage ankommen. In Vernehmungen soll die Mitangeklagte umfänglich ausgepackt und die Betrügereien eingestanden haben. Im Verhör bei der „EG Trüffel“ berichtete S. demnach im vergangenen Jahr, dass es sich bei dem ärztlichen Attest um eine Gefälligkeitsexpertise gehandelt habe, um der Überstellung nach Polen zu entgehen.
Anklage: Hauptakteur sei der Vater gewesen
Arzt und Angeklagter seien gut befreundet. Mit Blick auf den angeblichen Flutschaden in ihrem Haus soll S. eingeräumt haben, dass alles fingiert war. In der Flutnacht stand das Wasser in ihrem Keller in Bergisch Gladbach nur 20 Zentimeter hoch. Als Hauptakteur habe der Vater agiert, so ihre Angaben, er habe ihr Laptop benutzt, um etwa betrügerische Hilfen zu beantragen.
Das ergaunerte Hilfsgeld soll Lukas S. vor allem in Goldbarren angelegt haben. Der Verteidiger der Tochter, Andreas Kerhof, wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen der Ankläger äußern. Auch der Anwalt des Hauptangeklagen, Markus Gierok, wollte keine Stellungnahme vor Prozessbeginn abgeben.