Ab dem 26. März bietet Heiner Kötter wöchentlich zwei Stunden Einkaufen in einer reizreduzierten Umgebung an.
„Stille Stunde“Edeka-Kaufmann in Seelscheid dämmt Licht und Lärm

Heiner Kötter führt in seinem Seelscheider Edeka-Markt eine wöchentliche 'Stille Stunde' ein.
Copyright: Dieter Krantz
Es piept an der Kasse und klingelt beim Leergut, wenn der Rückgabeautomat voll ist. Über die Lautsprecher tönt Musik oder Eigenwerbung, bunt befüllte Regale und Werbung springen ins Auge: Alltag für die Kunden und Beschäftigten im deutschen Einzelhandel. Und ein Albtraum für Menschen, die unter einer derartigen Reizüberflutung psychisch oder physisch leiden.
„Stille Stunde“ dauert in Seelscheid 120 Minuten
Zwei Stunden in der Woche versucht ab Mittwoch, 26. März, der Kaufmann Heiner Kötter in seinem Seelscheider Edeka-Markt an der Zeithstraße, das Übermaß an optischen und akustischen Eindrücken einzudämmen. Die „Stille Stunde“ dauert hier 120 Minuten, von 15 bis 17 Uhr. In Zukunft will Kötter das in seinem Markt, den er seit 33 Jahren führt, wöchentlich anbieten.

Deutlich leiser wird der Quittungston beim Kassiervorgang während der 120 Minuten langen „Stillen Stunde“ sein.
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In dieser Zeit wird die Lautstärke des Quittungstons an den elektronischen Scannerkassen auf ein Minimum reduziert, wird das Licht gedimmt und die Lautstärke auch der Lüfter gesenkt. Durchsagen gibt es nur im Notfall, das Radio bleibt aus. Die Telefone werden nur vibrieren, gesprochen wird nur leise.
„Es geht im Grunde darum, die Reize zu reduzieren, wo es nur geht“, beschreibt Kötter die Idee. Eine Cousine, selbst körperlich eingeschränkt, hatte ihn auf das Konzept hingewiesen, das der Edeka-Kollege Markus Hetzenegger in Bergisch Gladbach schon seit einigen Jahren umsetzt. Vollends überzeugt habe ihn und seine Frau ein eindrücklicher Vortrag bei einer Infoveranstaltung des Einzelhandelsverbands im Siegburger Kreishaus.
Die Referentin, selbst eine Betroffene, „hat uns sehr eindrücklich dargestellt, wie wichtig es ist, in Ruhe einkaufen zu können“. Aufgebrochen beispielsweise, um Marmelade zu kaufen, sei sie mit Waschmittel nach Hause gekommen, erzählte sie. Besonders betroffen sind von dieser Reizüberflutung zum Beispiel Menschen mit ADHS oder im Autismus-Spektrum.
Am Mittwoch kommt ohnehin weniger Ware in den Seelscheider Markt
Aber auch Menschen, die an Multipler Sklerose oder Depressionen leiden, die von Long Covid oder Migräne betroffen sind, kann ein Übermaß an Reizen derart überfluten, dass Körper und Seele leiden. Nicht zuletzt wird deshalb in den zwei „Stillen Stunden“ in Seelscheid auch keine Ware verräumt. Ein Grund übrigens dafür, dass Heiner Kötter den Mittwoch für die „Stille Stunde“ ausgewählt hat: „Dann haben wir weniger Anlieferung.“

Eine Vielzahl an optischen und akustischen Reizen stürzt beim Besuch eines Supermarktes auf die Kundinnen und Kunden ein.
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„Für den einen oder anderen ist das vielleicht eine Herausforderung“, sagt Heiner Kötter mit Blick auf die insgesamt 66 Beschäftigten. Die Kassenkräfte beispielsweise müssen mehr auf die Bildschirme achten, damit auch wirklich alle Artikel von der Kasse erfasst werden. Grundsätzlich seien die Beschäftigten aber positiv gestimmt. „Es fühlt sich gut an“, zeigt sich Heiner Kötter überzeugt. Und: „Es tut keinem weh.“
In unserer Hektomatenwelt ist das vielleicht ein Schritt in eine andere Richtung
Gradmesser für den Erfolg seines Marktes seien üblicherweise die Kundenfrequenz und der Umsatz, sagt der Kaufmann am Tag vor der Premiere in Seelscheid. Er will die Reaktion auf das Angebot beobachten, sei aber sicher, „dass wir keine Kunden vergraulen werden“, sondern im Gegenteil den einen oder anderen hinzugewinnen könnten. Von wenigen, dann aber positiven Reaktionen berichtet auch Kollege Markus Hetzenegger aus Bergisch Gladbach.
„In unserer Hektomatenwelt ist das vielleicht ein Schritt in eine andere Richtung“, sagt Heiner Kötter. Aber „bestimmt keine schlechte Richtung“. Kommt er ausnahmsweise mit dem Auto zur Arbeit, bleibt das Radio oft stumm. „Man nimmt auch dem Unterbewusstsein einen Druck weg“, hat er festgestellt. Und: „Es gibt auch im Auto einen Aus-Knopf für das Radio.“