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Kriegsende in HennefVor 80 Jahren legten Bomber Geistingen in Schutt und Asche

Lesezeit 5 Minuten
Zerbombte Häuser, Trümmer, ein Mann mit Stock, ein Haus ohne Dachpfannen.

Geistingen in Trümmern: Mehr als 200 Bomben gingen auf den ältesten Hennefer Stadtteil nieder. In der Mitte das Gasthaus „Zur Glocke“. 

Tagebücher zeigen, wie die Menschen in Hennef-Geistingen und in drei Dörfern Kampfhandlungen mit vielen Toten und den Einzug der Amis erlebten.

Der 8. März 1945 gilt als schlimmster Tag in der Geschichte Geistingens. Vor 80 Jahren, zwei Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde die Ortschaft in Schutt und Asche gelegt. Zunächst war Buisdorf das Ziel, doch schon 21 Minuten später, um 16.58 Uhr, flog eine Bombergruppe der Amerikaner über Geistingen. Mehr als 200 Bomben fielen, 44 Menschen starben.

Pfarrer berichtet von schrecklichem Anblick nach der Bombardierung

„Ich hörte Flieger, rannte ans Fenster – auf einmal ein Blitz, riesiges Krachen, und dann kam es wie eine feurige Wand auf mich zu.“ So schilderte eine Frau den Moment des Angriffs. „Die Bergstraße bietet einen schrecklichen Anblick“, heißt es in den Aufzeichnungen des Pfarrers Karl Josef Aretz. „Die Häuser Kraus, Thomas, Müller, Beilschmidt, Geiger, Neußer und Schmitz sind total zerstört und alle übrigen Häuser schwer beschädigt.“

Das Bild zeigt einen der Länge nach aufgerissenen Kirchturm und Schutt.

Der Turm der Geistinger Pfarrkirche St. Michael war der Länge nach aufgerissen, er wurde am 4. April 1945 gesprengt.

„Wie durch ein Wunder haben 20 Menschen im Keller der Metzgerei Kraus die Katastrophe überlebt“, berichtete Max Bergmann in seiner Schrift „Das Kriegsende in Hennef“. Die Bomben trafen auch die Geistinger Kirche. Nur die linke Hälfte des Westportals und der in seiner ganzen Länge aufgerissene Turm standen noch – bis zum 4. April 1945.

Bild von einer Straße mit zerstörten Häusern mit einigen Menschen.

So sah es in den Tagen nach dem Angriff in der Bonner Straße vor Haus Wippenhohn aus.

Die Amerikaner sprengten die Ruine. „Nach der ersten Sprengung kommt der Helm des Turmes herunter“, hält Pfarrer Aretz in der Pfarrchronik fest. Damit sei die Einsturzgefahr beseitigt gewesen. „Aber die Soldaten begnügen sich nicht damit, sondern sprengen unter meinem heftigen Protest das ganze Mauerwerk, sodass von der uralten Pfarrkirche St. Michael nur noch ein Mauerstumpf übrig bleibt.“

Wie die Menschen in drei Hennefer Dörfern – Greuelsiefen, Weldergoven und Striefen – die letzten Wochen vor der Einnahme durch amerikanische Soldaten erlebt haben, ist den Tagebüchern von drei Frauen zu entnehmen. Im Hennefer Stadtarchiv werden die Aufzeichnungen aufbewahrt.

US-Soldaten gehen über eine Straße, die von Häusern gesäumt ist.

Aus dem Weg an die Front: US-Infanteriesoldaten liefen durch Uckerath. Rudi Kaufmann aus Dambroich fand das Foto in einem Archiv in den USA. Repro: Bröhl

„Wir liegen mitten in der Front, Söven und Rott sind genommen und liegen unter furchtbarem deutschen Beschuß“, notierte Leonie Wallenstein am 22. März 1945. Zuvor musste sie ihre Tätigkeit als Rot-Kreuz-Schwester im Lazarett in der Abtei auf dem Siegburger Michaelsberg aufgeben. Im Tagebuch der damals fast 43-Jährigen ist von unerträglichen Zuständen, unbeschreiblichen Dreck auf den Stationen und von verbitterten Verwundeten, die furchtbare Schmerzen litten, die Rede.

Wir stecken dauernd in Lebensgefahr und liegen oft am Boden oder verstecken uns vor den Fliegern
Leonie Wallenstein, Zeitzeugin

Wallenstein, die mit ihrer Mutter in Greuelsiefen lebte, beschreibt eine Fahrt mit dem Fahrrad über die Dörfer nach Eitorf, wo sie und eine Nachbarin ein gestohlenes Pferd suchen wollten: „Wir stecken dauernd in größter Lebensgefahr und liegen oft am Boden oder verstecken uns vor den Fliegern.“ Ganz Eitorf sei ein Trümmerhaufen gewesen. „Die Fabriken, der Bahnhof sind restlos zerstört. Die Eisenbahnbrücken sind gesprengt worden, sogar der Übergang nach Oberauel.“

Ein Panzer fährt auf einer Pontonbrücke über einen Fluss.

Bei Allner, damals Gemeinde Lauthausen, überquerten die Amerikaner auf einer Pontonbrücke mit Panzern die Sieg. Rudi Kaufmann aus Dambroich fand das Foto in einem Archiv in den USA.

„Die Front ist uns auf die Pelle gerückt“, schrieb Leonie Wallenstein am 23. März in ihr Tagebuch. Beklemmend sind die Schilderungen aus dem Keller, in dem man zwei Tage später „in der Bunkerecke“ zusammengekrochen war. Verwundete Soldaten, von denen einer ein Bein verloren hatte, waren notdürftig im Vorratskeller untergebracht. „Die Zeit, bis der Ami Einzug hielt, wurde uns zur Ewigkeit“, so Wallenstein. „Dem Amputierten ging es zusehends schlechter. Ich werde seinen flehentlichen Blick nicht vergessen.“ Nachmittags um fünf Uhr hätten dann die Amerikaner, geschützt durch Nebelgranaten, Greuelsiefen erreicht und seien in die Häuser gestürzt. „Es ist ja traurig einzusehen – wir waren wie erlöst.“

„Den ganzen Tag war Fliegeralarm, ein Entwarnen gab es nicht mehr.“ Das notierte Margret Rings aus Weldergoven am 10. März 1945. Das Schlimmste seien Tiefflieger gewesen, die nun schon auf einzelne Menschen und Fahrzeuge geschossen hätten. „Auf der Sparkasse haben wir bis heute noch gearbeitet, aber unter den unmöglichsten Zuständen“, hielt die damals 24-Jährige fest.

Ein ununterbrochenes Trommelfeuer hagelt in und um unser Dorf
Margret Rings, Zeitzeugin

Zu einem lebensgefährlichen Unterfangen geriet am 13. März das Abgreifen von Briketts von einem Güterzug, der 300 Meter hinter dem Hennefer Bahnhof in Richtung Siegburg liegen geblieben war. „Am frühen Morgen ziehen Vater und ich mit unserem Bollerwagen los“, berichtete Rings. „Die Briketts liegen in rauhen Mengen da. Aber schon beginnt das Theater. Die ersten Tiefflieger stürzen mit Sirenengeheul nieder. Wagen und alles in Stich gelassen, und wir unter die Eisenbahnwagen.“ Auf dem Rückweg sei man dann noch zweimal im Straßengraben in Deckung gegangen.

„Ein ununterbrochenes Trommelfeuer hagelt in und um unser Dorf. Die Einschläge sind vor unserem Haus, hinter unserem Haus, die Erde spritzt hoch, Dachziegel klirren, die Minuten werden wie Stunden.“ So schilderte Margret Rings den Maschinengewehr-Beschuss am 25. März, dem Tag, an dem die Amerikaner kamen.

In kühler Märznacht notdürftig bekleidet von Weldergoven nach Hennef

Mit ihren Gewehrkolben hätten sie in die Fenster geschlagen und immer wieder gefragt: „Deutsche Soldat? Deutsche Soldat?“ Sie vermuteten offenbar noch Bewaffnete in Weldergoven. In dem Tagebuch steht auch, wie die verbliebenen Dorfbewohner, nur notdürftig bekleidet, „die Kinder alle barfuß“, in einer kühlen Nacht nach Hennef zum Bürgermeisteramt geführt wurden. 

Die dritte Zeitzeugin, Ilse Mai-Schlegel aus Striefen, schrieb unter dem Datum vom 17. März 1945 von Granaten, die während des Frühstücks pfeifend neben Adscheid heruntergingen. „Heute Nacht haben die Granaten der Feindartillerie immerfort in das Adscheider-Striefener Tal gepfeffert“, notierte sie am nächsten Tag und am 23. März schließlich, dass in der Nacht drei Granaten das Dach und die beiden Giebel des Hauses der Familie abgerissen hätten.   

Am Palmsonntag, 25. März, seien Amerikaner ins Haus gestürmt, herauf, herunter und zuletzt in den Keller. „Dort empfing ich sie, ruhig in englischer Sprache erklärend, daß hier nur Zivilisten wären, keine Soldaten“, heißt es in Schlegels Tagebuch. Außer Gefahr war man aber noch nicht: „Deutsche Panzer schossen aus Greuelsiefen herauf; die Schüsse zerstörten Papas Klavier, die Wand nach meinem Zimmer und meinen roten Schrank.“ 

31 tote Soldaten im Dorf Striefen geborgen und beerdigt

„Gretl und ich bergen tote deutsche Soldaten“, hält Ilse Mai-Schlegel am 26. März fest, am 27. März, dass sie und ihre Schwester „die traurige Arbeit“ fortsetzten. „Am Abend sind endlich 15 Soldaten beerdigt.“ Die Schwestern ordneten bis zur Dunkelheit Papiere und Erkennungsmarken. „Die letzten Toten müssen heute in die Erde“, steht im Tagebuch, „ich renne und renne und stoße auf so viel Gleichgültigkeit.“ Am 28. März bargen die Schwestern weitere neun Gefallene, am 8. April wurde der 31. tote Soldat in Striefen gefunden und beerdigt.