Wir lassen uns unser Lebensgefühl nicht nehmen – diese Botschaft der Oberbürgermeisterin nahmen sich die Kölnerinnen und Kölner in der Altstadt zum Beginn des Straßenkarnevals zu Herzen.
Alter MarktStart in den Straßenkarneval – „Niemandem wird es gelingen, uns einzuschüchtern“
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„Alle meine Freunde ham' Konfetti in der Hand“... Kostümierte Jecken um 11.11 Uhr auf dem Alter Markt.
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Um 11.50 Uhr reißt der Himmel auf, wird knallblau, und der Alter Markt liegt im Sonnenschein. Die Höhner singen auf der Bühne gerade „Viva Colonia“, die Jecken liegen sich in den Armen, und wäre das hier ein Film, würde man wohl sagen: Das ist jetzt wirklich eins zu viel. Überkitschig. Aber: Das hier ist kein Film – das ist nur Köln an Weiberfastnacht.
Björn Braun kommt in diesem Moment von der Bühne auf dem Alter Markt, er strahlt über das ganze Gesicht. „Ich bin super zufrieden“, sagt der Präsident der Altstädter Köln 1922, die die Veranstaltung auf dem Alter Markt ausrichten. „Das Wetter ist top, der Countdown hat perfekt geklappt, und auch die Stimmung ist hervorragend – das ist ja nicht selbstverständlich nach den Nachrichten der letzten Tage“, sagt Braun.
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Prinz René, Bauer Michael und Jungfrau Marlis auf der Bühne auf dem Alter Markt.
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Braun meint die Drohungen im Namen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), die über die Sozialen Netzwerke für die Karnevalstage verbreitet worden waren. Darin war von angeblichen Anschlagszielen die Rede, darunter auch Weiberfastnacht auf dem Alter Markt in Köln und das Festival „Green Komm“ am Karnevalssonntag auf den Kölner Ringen.
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„Es wird niemandem gelingen, uns Kölnerinnen und Kölner einzuschüchtern“
Doch die Botschaft an diesem Tag ist eindeutig: Wir lassen uns das Feiern nicht nehmen, dies ist ein Tag der Lebensfreude und der Vielfalt. Eben diese Botschaft ist auch schon am frühen Morgen im Rathaus zu hören, als Oberbürgermeisterin Henriette Reker zum Empfang geladen hatte. „Es wird niemandem gelingen, uns Kölnerinnen und Kölner einzuschüchtern. Wir genießen die kölsche Jahreszeit und lassen uns unser Lebensgefühl nicht von Islamisten und Terroristen nehmen“, sagt Reker im Hansasaal.
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Besucherinnen und Besucher auf der Tribüne.
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Im Beisein von zahlreichen Karnevalisten und Vertretern des Stadtrats dankt sie dem „liebevollen Dreigestirn“. Prinz René I., Bauer Michael und Jungfrau Marlis stünden, so Reker, für Lebensfreude, Vielfalt und Respekt. So wie ein Traum für das Trifolium wahr geworden sei, stehe Köln für eine ganze Reihe von Träumen, die sich verwirklicht hätten. Reker nennt etwa die Vollendung des Domes dank der Preußen und schiebt nach: „Naja, wir sind fast so weit“.
„Machen wir das ‚Love‘ in Fastelovend so groß, wie es sein sollte“
„Wir feiern das Leben und die Gemeinschaft“, betont Reker. „Wir treiben die Vielfalt mit unseren bunten Kostümen auf die Spitze. Jetzt ist die Zeit, endlich wieder Träume zu entwickeln und blühen zu lassen. Machen wir das ‚Love‘ in Fastelovend so groß, wie es sein sollte, und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.“ Gerade das Dreigestirn habe das Verbindende stets in den Vordergrund gestellt und sei jedem und jeder offen begegnet.
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Auch diese drei haben Marlis' Wunsch „Seid bunt“ absolut beherzigt.
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Bevor Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn ebenfalls zu einer Lobrede auf das Dreigestirn ansetzt („Gestern bei der Sitzung in der JVA wurde das Dreigestirn um eine Zugabe gebeten, das hatten wir noch nie)“, macht er sich über den einzigen Krawattenträger im Saal lustig: Polizeipräsident Johannes Hermanns, der Geburtstag hat, bekommt ein Ständchen. Dann wird Kuckelkorn ernst: „Wir danken den Sicherheitsbehörden für die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Das gibt Ruhe und Zuversicht.“
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Jungfrau, Oberbürgermeisterin, Prinz und Bauer an Weiberfastnacht.
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Der Prinz hält sich an diesem Tag bewusst zurück, es ist schließlich der Tag der Frauen. Und die Rede von Hendrik Ermen alias Marlis zeigt dann auch einmal mehr, warum diese Tollitäten mehr sind als nur Botschafter des Frohsinns. Marlis spricht über die Gleichberechtigung der Frau, erinnert an Namensgeberin Marie Luise Nikuta, die sich auf der Bühne abfällige Begrüßungen gefallen lassen musste. „Aber sie hat den Karneval mit Mut, Respekt und Toleranz geprägt und bunter gemacht.“
„Leute heiß wie Frittenfett“
Abschließend richtet Marlis einmal mehr einen Appell an alle Kölnerinnen und Kölner: „Seid jeck, seid bunt, seid lieb – gerade in diesen wirren, schwierigen Zeiten.“ Die Balance aus Ernsthaftigkeit und Humor ist wohl noch keinem Dreigestirn so gut gelungen wie diesem. Prinz René gibt sich bescheiden: „Wir haben nur das vertreten, was uns in die Wiege gelegt worden ist. Das ist nichts Besonderes.“
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Ernie und Bert feierten auch auf dem Alter Markt.
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Zurück auf dem Alter Markt. Am Rande der Bühne schaut Altstädter-Literat Martin Zylka am frühen Mittag zufrieden in die Reihen schunkelnder Menschen auf der Tribüne: „Die Leute sind echt heiß wie Frittenfett.“ Drumherum in der Altstadt herrsche kein Chaos, „alle Zufahrtswege sind frei.“ Und das Programm auf der Bühne laufe reibungslos: Kaschämm, King Loui, die Funky Marys, Marita Köllner, sie alle werden wild gefeiert.
Höhner-Bassist Freddi Lubitz muss gleich auf die Bühne, noch sitzt er im Eiscafé hinter der Bühne im Warmen. Diese Session sei bis jetzt fantastisch gewesen, „die Band ist nach dem Ausscheiden langjähriger Musiker endgültig beim Publikum angekommen“, sagt Lubitz. Auch wenn das Sessionsende in Sicht ist, können sich die Musiker dennoch nicht wirklich eine längere Pause gönnen: Ab April ist in Düsseldorf Zirkus angesagt, im Sommer geht die Band auf Deutschland-Tour.
Aber jetzt erst einmal Köln, Alter Markt. „Wir haben euch viel Liebe mitgebracht“, ruft Frontmann Patrick Lück schließlich in die Menge, die Band spielt „Schenk mir dein Herz“, ihren neuesten Titel „Au Revoir“, „Die schönste Stroß'“, und den Song vom Krokodil, das die Prinzessin fressen will. Hinter der Bühne hüpfen sich unterdessen Kasalla schon warm, man dehnt sich kurz, Stöpsel ins Ohr, Abklatschen mit den Höhnern, die die Bühne verlassen.
Ein gegenseitiges „Viel Spaß“, dann geht es weiter. „Alle Jläser huh“.