Sobald die letzten Karnevalswagen durch Kölns Straßen rollen, kommen die Vollprofis: Wir haben die Straßenkehrer bei ihrer Schicht begleitet.
24 Stunden, fünf Tage langWer an Karneval die Kölner Straßen von den Müllmassen befreit

Mitarbeiter der AWB reinigen den Barbarossaplatz an den Karnevalstagen auch die Nacht über.
Copyright: Dirk Borm
Im ersten Moment wirken die fünf Männer in ihren orangefarbenen Overalls wie Karnevalisten, die sich gemeinsam in Ganzkörper-Kostümen verkleidet haben. Doch die Präzision, mit der Tufan Gürtekin den am untereren Ende knapp einen Meter breiten Besen am Donnerstagabend auf der Kyffhäuserstraße einsetzt, zeigt: Hier kommt kein Jeck, sondern ein Vollprofi. Der 46 Jahre alte Mitarbeiter der Abfallwirtschafts-Betriebe (AWB) Köln und seine Kollegen sind die fußläufige Spitze vom „Team Kwartier Latäng“ der AWB-Nachtschicht, die rund um den Karneval einen der härtesten Jobs der Stadt erledigt.

Bis zu 500 Tonnen Müll fallen an den Karnevalstagen an.
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Mehrere Tonnen Müll als Hinterlassenschaft der Feiernden müssen heute beseitigt werden, das Ganze fünf Tage lang. Tufan Gürtekin ist mit seinem Team am Donnerstag von 22 Uhr bis 6 Uhr am nächsten Morgen im Einsatz, es ist kalt und regnet. „Meine Jungs spielen hier in der Champions-League“, sagt Einsatzleiter Vural Dönnmez um 23 Uhr über seine Kollegen. Dieses Jahr schicken die AWB zur Session zum ersten Mal drei statt zwei Schichten für die Aufräumarbeiten ins Rennen, so wird täglich 24 Stunden lang in der Altstadt, der Südstadt, auf den Ringen und an der Zülpicher Straße sauber gemacht.
Die 15 Männer große Truppe muss eingespielt sein, sonst würde sie bei all den widrigen Umständen an den zentralen Orten des Straßenkarnevals „unter die Räder kommen“, wie Gürtekin es ausdrückt. Sein Chef erklärt, warum: „Sobald die Straßenzüge weniger stark besucht sind, gibt die Leitstelle sie zur Reinigung frei, trotzdem sind hier überall Menschen, viele nicht ganz zurechnungsfähig – es ist dunkel und der Verkehr fließt weiter“, sagt der 34-Jährige, der seit vier Jahren die Teamaufsicht rund um das Zülpicher Viertel innehat.
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Mehr Tonnen, mehr Teams in den Kölner Straßen
„Klasse, dass Ihr da seid!“, ruft eine Gruppe Feiernder im Vorbeigehen den AWB-Männern zu – die antworten mit einem Winken. Mehr Zeit bleibt nicht, denn die Kollegen in den kleinen Kehrmaschinen sind dicht hinter ihnen. Was die „Vorweg-Feger“ auf einem Streifen zusammengekehrt haben, saugen diese Maschinen dann mit Schläuchen ein. Müll aller Art, Scherben, aber auch Erbrochenes, Konfetti und Kostümteile sind darunter, ordnet Vural Dönnmez ein. „Problematisch wird es, wenn ganze Flaschen die Saugrohre verstopfen, oder die Maschinen einen platten Reifen bekommen“, sagt er. Durch den Regen in dieser Nacht sei allerdings deutlich weniger los als üblich.

Was die „Vorweg-Feger“ auf einem Streifen zusammengekehrt haben, saugen die Kehrmaschinen dann mit Schläuchen ein.
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Die Zahl der orangefarbenen „Event-Tonnen“ ist dieses Jahr auf 800 Stück mehr als verdoppelt worden, das Kehr-Team befestigt sie mit Kabelbindern an Laternen. Dazu kommen 350 Glas-Großbehälter an den Eingängen zu den „Spaß ohne Glas“-Zonen.
Fast wie ein choreografiertes Straßenballet wirken die AWB-Fahrzeuge im Zusammenspiel auf ihrer Route. Bis zur Übernahme durch die Frühschicht um sechs Uhr morgens „tanzen“ sie – manchmal haarscharf nebeneinander – ihre Route entlang und hinterlassen einen Zustand, der kaum noch darauf schließen lässt, wie viel Müll tatsächlich rund um Karneval anfällt.
Kölner Kamelle Kreislauf: Karnevalsmüll wird zu Strom
400 bis 500 Tonnen Müll sammeln die AWB laut Pressesprecherin Cordula Beckmann im Straßenkarneval jedes Jahr auf. „Bei Regen feiern zwar weniger Menschen, aber der Müll ist auch schwerer“, sagt sie. Daher sei die Menge, außer in wenigen Ausnahmejahren, immer etwa gleich.
Wohin leer getrunkene Pappbecher und Kamelle, die im Zoch niemand aufhebt, verschwinden – darüber denkt wohl kaum einer der Feiernden nach. Getrennt wird der Müll nicht, das wäre ein zu großer Aufwand, daher kann er nicht recycelt werden. Die Müllmassen werden in die Restmüllverbrennungsanlage der Abfallentsorgungs- und Verwertungsgesellschaft (AVG) in Niehl gebracht. Hunderte Tonnen Kehricht aus dem Karneval tragen hier dazu bei, 100.000 Kölner Haushalte zu versorgen – ein Kamelle-Kreislauf vom Karnevalswagen in die Steckdose im Wohnzimmer.
„Der Sonntag ist aus Erfahrung der intensivste Karnevalstag für uns, aufgrund der vielen Veedelszüge. Es werden 470 Mitarbeitende und 190 Fahrzeuge der AWB unterwegs sein“, sagt AWB-Sprecherin Beckmann. Für die kommenden Karnevalstage rufen die AWB die Feiernden auf, die vielen extra aufgestellten Mülltonnen, Glascontainer und Toiletten zu nutzen. Ganz nach dem Motto „Liebe deine Stadt“ – und halte sie sauber.