Das Transparent einer FC-Fangruppe erregt die Gemüter. Ein Kölner Philosoph verteidigt die Darstellung als klassische Allegorie.
Fortuna, Füllhorn und JokerDas steckt hinter dem umstrittenen Choreo-Motiv der FC-Fans
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Die umstrittene Choreo der Ultras auf der Südtribüne des 1. FC Köln
Copyright: Herbert Bucco
Lässt sich das Glück zwingen? Oder ist bereits der bloße Versuch der sichere Weg ins Unheil? Am Sonntag haben es sich Fans des 1. FC Köln leicht mit diesen Fragen gemacht und während des Rheinderbys gegen Fortuna Düsseldorf ein riesiges Transparent über die Südtribüne gezogen. Darauf hält der Joker aus den Batman-Comics der Glücksgöttin Fortuna ein Messer an den Hals. Diese Choreografie hat massive Kritik auf sich gezogen. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) erinnerte daran, dass die Polizei „jeden Tag Messergewalt auf der Straße“ bekämpfen würde. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker tadelte die „Ignoranz gegenüber unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation“.
Der Kölner Philosoph Jürgen Nielsen hält diese Reaktionen für übertrieben. Im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ verweist der „leidenschaftliche FC-Fan“ auf die mythologischen Quellen des Motivs und sieht in der für ihn bewusst comicartig gehaltenen Choreografie vor allem einen Kampf zwischen Fangruppen, der mit realer Gewalt auf den Straßen nichts zu tun habe. Die Darstellung sei eine klassische Allegorie mit dem Joker als Verkörperung der „Wilde Horde“, einer Kölner Fangruppe, die die Glücksgöttin symbolisch dazu zwinge, ihren Reichtum über der Tribüne der FC-Fans auszuschütten.
Die Fortuna-Fans sind mit dem Glück buchstäblich im Bunde
Die Mitglieder der „Wilde Horde“ würden sich in der Choreografie als Underdogs inszenieren, die es mit der reichen Stadt Düsseldorf aufnehme, so Nielsen. Während die Fortuna-Fans buchstäblich mit dem Glück im Bunde seien, müsse sich der FC sein Glück hart erkämpfen. „Glück ist kein Geschenk der Götter“, stand unter dem Transparent zu lesen. Dazu passe der Joker aus der Batman-Serie als entstellte Unglücksfigur.
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Nielsen verweist zudem darauf, dass die Kölner Fans auf ein Transparent von Fortuna-Fans aus dem Hinspiel geantwortet hätten. Auf diesem habe die Glücksgöttin Fortuna die Düsseldorfer Ultras mit Reichtümern aus ihrem Füllhorn bedacht.
Fan-Kritik an rein wirtschaftlichen Interessen
Ist also alles nur ein Missverständnis und das kritisierte Kölner Banner vor allem ein Beispiel kritischer Fankultur? Spielte am Sonntag nicht nur Köln gegen Düsseldorf, sondern auch Arm gegen Reich, Pop- gegen Hochkultur, und wahres Fantum gegen die Kommerzialisierung des Fußballs? Dann wäre die Choreografie weniger Angriff als Umarmung. Mögen die Ultra-Gruppen aus Köln und Düsseldorf auch verfeindet sein: Sie können sich darauf einigen, dass der Fußball vor allem von wirtschaftlichen Interessen bedroht wird.

Heath Ledger als Joker in „The Dark Knight“
Copyright: Warner Bros
Die beiden Hauptfiguren des Banners haben eine lange mythologische Geschichte; mit ihnen schreibt sich wohl auch die „Wilde Horde“ eine Rolle in der Kulturgeschichte (des Fußballs) zu. Eine altrömische Erfindung ist die bedrohte Glücksgöttin Fortuna. Sie steht für die Zufälligkeit des Glücks, mitunter wird sie mit einem Schicksalsrad dargestellt. Wie auf den Liebesgott Amor ist auf die wankelmütige Fortuna kein Verlass. Und wie dieser gilt sie als blind für die Nöte und Sehnsüchte der Menschen. Allerdings wurde sie kaum mit Augenbinde dargestellt; in dieser Hinsicht zeigen sich die Kölner Ultras originell.
Das bekannteste Wahrzeichen der Fortuna ist ihr Füllhorn. Aus diesem verteilt sie die irdischen Gaben, von denen der Mensch nie genug bekommen kann. Aber nicht nur Kunsthistoriker wissen: Wer sich die Glücksgöttin als Herrin erwählt, braucht sich über ihre Launen nicht zu wundern. Mit Gewalt zwingen lässt sie sich nicht.

Fortuna-Gemälde von Peter Paul Rubens
Copyright: Wikicommons
Das an die Kehle gehaltene Messer geht, bemerkt Jürgen Nielsen, auf Heath Ledgers Inkarnation des Batman-Gegenspielers aus dem Jahr 2008 zurück. Der Joker der DC-Comics kommt ohne festes ikonografisches Attribut aus. Mal benutzt er eine simple Brechstange, um Chaos und Zerstörung anzurichten, mal zwei automatische Pistolen oder einen Revolver mit langem Lauf. Mit seinem Fedora-Hut erinnert der Joker, der sich am Sonntag über die Ränge der Südtribüne erstreckte, allerdings weniger an Heath Ledger als an ältere Varianten des Jokers, etwa der tragischen Figur aus Alan Moores einflussreicher Graphic Novel „Batman: The Killing Joke“ von 1988.
Das hämische Lachen, das zur Enthüllung des Transparentes aus den Stadion-Lautsprechern erklang, gehört seit seinem ersten Auftritt im April 1940 zum Joker. Als wichtigstes Vorbild für den halb wahnsinnigen Antagonisten gilt der expressionistische Stummfilm „Der Mann, der lacht“ (1928). Der deutsche Schauspieler Conradt Veidt verkörpert darin einen englischen Adeligen, dem ein Chirurg auf Geheiß des rachsüchtigen Königs ein irres Dauergrinsen ins Gesicht ritzt und der sich fortan als Freak unter Gauklern verdingen muss.
Banner der FC-Fans: Der Joker als verlachter, vom Leben geprügelter Underdog
Der Joker als verlachter, vom Leben geprügelter Underdog, der sich am Establishment rächt, diese Interpretation zieht sich durch bis zu Todd Phillips Film „Joker“ (2019), mit Joaquin Phoenix in der Rolle des traurig-volatilen Clowns. Aber auch dieser Joker greift lieber zur Handfeuerwaffe. Kehren wir also noch einmal zurück zu Christopher Nolans Film „The Dark Knight“. In dem liefert Heath Ledger sogar eine Erklärung für die Wahl der Waffe: „Willst du wissen, warum ich ein Messer benutze? Pistolen sind zu schnell. Man kann nicht alle kleinen Emotionen auskosten.“ Das Messer bedeutet demnach Sadismus. Wäre die Empörung über das Fan-Transparent derart groß ausgefallen, hätte der abgebildete Joker Fortunas Reichtümer mit vorgehaltener Pistole erpresst?
Im Heftchen mit der Nummer 681 der laufenden Batman-Serie macht sich der Joker über das kunstgeschichtliche Vorgehen des spitzohrigen Detektivs lustig: „Du denkst, es gliedert sich alles in Symbolik und Strukturen und Andeutungen und Hinweise. Nein, Batman, das ist nur Wikipedia.“ Was, wenn die Evidenz der Oberfläche die kunstgeschichtliche, die pop- und fankulturelle Ausdeutung des Bildes zur Nebensache herabwürdigt? Denn zuerst einmal sieht man schlicht einen Mann, der eine Frau von hinten würgt und mit einem Messer bedroht.
Vielleicht liegt der Skandal des Banners weniger in seinem Inhalt als in seinem Medium: einem öffentlichen Fußballstadion. Während die FC-Ultras darauf hoffen konnten, vom adressierten Empfänger ihrer Botschaft, den Fortuna-Ultras, in ihrem Sinne richtig verstanden zu werden, haben sie offenbar ignoriert, dass die nicht mit-gemeinte, aber anwesende Öffentlichkeit mitliest – und die Botschaft anders versteht.
Die Bildsprache des Ultra-Banners leiht sich ihre Motive aus Mythologie und Populärkultur, hält aber engen Kontakt zum Fußballerlatein. „Man muss das Glück zwingen“, ist ein geläufiger Topos in der Fußballersprache. Aber das kann man so wenig, wie man ein „richtiges“ Verständnis forcieren kann.