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Polizeiliche KriminalstatistikAnstieg bei Jugendlichen und Zuwanderern – Entwicklung sozial erklärbar

Lesezeit 3 Minuten
Nancy Faeser (SPD), geschäftsführende Bundesministerin des Innern und für Heimat, spricht während der Pressekonferenz zur Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2024.

Nancy Faeser (SPD), geschäftsführende Bundesministerin des Innern und für Heimat, spricht während der Pressekonferenz zur Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2024.

Auffällig sind Jugendliche, die von Schulschließungen in der Corona-Pandemie betroffen waren. Bei Zuwanderern ist die Situation komplexer.

Einmal im Jahr treten die Bundesinnenministerin, der Präsident des Bundeskriminalamtes und der Vorsitzende der Innenministerkonferenz in Berlin vor die Presse, um die Polizeiliche Kriminalstatistik zu präsentieren. Dabei sind sowohl die Statistik selbst mit ihren im vorigen Jahr 5,8 Millionen Straftaten als auch die Pressekonferenz ein Spiegel der Verhältnisse, in denen wir leben.

Bei der Pressekonferenz am Mittwoch standen zwei Aspekte im Mittelpunkt: die zunehmende Gewalt von Kindern und Jugendlichen – sowie der Anteil nicht-deutscher Staatsbürger an der Kriminalität. Beide Entwicklungen sind sozial erklärbar.

Schulschließungen während Corona-Pandemie ausschlaggebend

Die Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen steigt nicht generell, sondern vorrangig in jener Gruppe, die von der Corona-Pandemie und den Schulschließungen stark betroffen war. Das gibt jenen recht, die bereits während der Pandemie vor allzu starken Einschränkungen gewarnt haben.

Entwicklung der Gewaltkriminalität unter Kinder und Jugendlichen seit 2015

Entwicklung der Gewaltkriminalität unter Kinder und Jugendlichen seit 2015

Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Zunächst geht es darum, die Mitglieder der auffälligen Gruppe im Auge zu behalten und durch gezielte pädagogische Maßnahmen dafür zu sorgen, dass sie ihr delinquentes Verhalten nicht fortsetzen. Bei der nächsten Pandemie sollten die Verantwortlichen die Lehre aus der letzten nicht vergessen haben: dass Einschränkungen der Kontakt- und Bewegungsfreiheit bei Heranwachsenden ein Extra-Risikopotenzial bergen – und sie daher besser vermieden werden. Was nicht hilft, sind nachträgliche Schuldzuweisungen. Was auch nicht hilft, ist die Senkung des Strafmündigkeitsalters.

Statistik berücksichtigt nur erfasste Straftaten

Bei der Kriminalität von Zuwanderern ist die Situation komplexer. Zwar hat über ein Drittel der Tatverdächtigen keinen deutschen Pass. Unbestreitbar ist ferner, dass die Probleme seit 2015 wachsen, seit Beginn der Flüchtlingskrise. Wahr ist jedoch ebenso, dass die Kriminalstatistik nicht alle Straftaten berücksichtigt, sondern nur diejenigen, die zur Anzeige gebracht oder aus anderen Gründen von der Polizei bearbeitet werden. Und von Studien weiß man, dass Ausländer oder Deutsche, die für Ausländer gehalten werden, eher mit einer Anzeige rechnen müssen.

Überdies werden Straftaten überwiegend von jungen Männern begangen. Junge Männer gibt es unter den Flüchtlingen aus dem arabisch-islamischen Raum sehr viele. Verschärfend kommt hinzu, dass sie gerade in der Anfangszeit oft in Sammelunterkünften und mit einem ungesicherten Aufenthaltsstatus leben müssen. Sie haben also neben eigenen Gewalterfahrungen und einem womöglich positiven Verhältnis zur Anwendung von Gewalt psychischen Stress – was die Gewalt weiter antreibt.

Welcher menschenrechtliche Preis muss bezahlt werden

Das Fazit ist deshalb paradox. Einerseits muss Migration begrenzt werden. Die Integrationsfähigkeit ist erschöpft. Das ist längst Konsens im Land. Nur wenige rufen noch: Refugees welcome! Umstritten bleibt allein, als wie drängend das Problem empfunden wird und welcher menschenrechtliche Preis zu seiner Lösung bezahlt werden soll. Andererseits ist offenkundig, dass die bisweilen ins Migrationsfeindliche gesteigerte Stimmung die Kriminalitätsgefahr aktuell eher erhöht. Denn sie verstärkt den psychischen Stress bei den Betroffenen – erst recht bei jenen, die sowieso schon mit dem Rücken an der Wand stehen, etwa weil sie von Abschiebung bedroht sind. Wer glaubt, er habe nichts mehr zu verlieren, der handelt im Zweifel entsprechend.

Besser wäre es jedenfalls, wenn die Gesellschaft Kriminalität weniger moralisch als analytisch betrachten würde. Schließlich geht es in der Regel nicht um „böse“ Menschen, die es auch gibt, sondern um sozial gescheiterte Menschen. Ein solch nüchterner Blick würde bei der Bekämpfung von Kriminalität sehr helfen.