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„Bereit zu einem Handelskrieg“Entsetzen über Trumps Zölle – Scholz spricht von einem „Anschlag“

Lesezeit 5 Minuten
US-Präsident Donald Trump hält eine Rede über Zölle und präsentiert in diesem Zusammenhang eine Karte mit den neuen Zöllen.

US-Präsident Donald Trump hält eine Rede über Zölle und präsentiert in diesem Zusammenhang eine Karte mit den neuen Zöllen.

Trump feiert sich und seine neuen Zölle, der Rest der Welt schaut fassungslos zu. Experten fürchten einen Handelskrieg. 

Diese Nachricht schlug erwartungsgemäß schnell hohe Wellen: US-Präsident Donald Trump hat neue Zölle von 10 bis 49 Prozent für Handelspartner weltweit angekündigt und damit die Furcht vor einem Handelskrieg genährt. Importe aus der Europäischen Union werden mit Aufschlägen von 20 Prozent belegt, solche aus China mit 34 Prozent, wie Trump am Mittwoch (2. April) in Washington sagte.

Trump sprach von einem „Befreiungstag“ für die US-Wirtschaft. Er warf selbst engen Handelspartnern vor, die USA bisher mit ihrer Zollpolitik „geplündert und vergewaltigt“ zu haben. Über die Europäer sagte er erneut, sie zögen die USA „über den Tisch“.

Donald Trump verhängt neue Zölle und spricht von einem „Befreiungstag“

Die Reaktionen auf Trumps Ankündigung ließen am Donnerstag nicht lange auf sich warten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem „schweren Schlag für die Weltwirtschaft“. Es seien immense Folgen zu erwarten. „Millionen von Menschen werden mit höheren Lebensmittelrechnungen konfrontiert sein. Medikamente werden teurer, ebenso der Transport. Die Inflation wird ansteigen. Und dies schadet vor allem den wirtschaftlich schwächsten Bürgern“, erklärte sie.

Ein 71-jähriger Einwohner Washingtons hält am 2. April 2025 vor dem Weißen Haus in Washington ein Schild, das die von US-Präsident Donald Trump verhängten Wirtschaftszölle kritisiert.

Ein 71-jähriger Einwohner Washingtons hält am 2. April 2025 vor dem Weißen Haus in Washington ein Schild, das die von US-Präsident Donald Trump verhängten Wirtschaftszölle kritisiert. Auch in den USA sind die Zölle nicht unumstritten.

Gleich mehrere Staaten machten aus ihrer Empörung über Trumps Vorgehen keinen Hehl. China kündigte Gegenmaßnahmen an. Die Volksrepublik habe die Ankündigung wechselseitiger Zölle zur Kenntnis genommen und lehne diese entschieden ab, teilte das Handelsministerium in Peking mit. China werde entschlossen Gegenmaßnahmen ergreifen, um seine Rechte und Interessen zu schützen.

Empörung von Japan bis Frankreich: Massive Kritik an von Donald Trump verhängten Wirtschaftszöllen

Japan nannte die neuen Maßnahmen „äußerst bedauerlich“, so Regierungssprecher Yoshimasa Hayashi zu japanischen Journalisten. Man wolle die Auswirkungen auf das eigene Land eingehend prüfen. Taiwan bezeichnete die neu verkündeten Zölle der USA als „höchst unangemessen“.

Die EU ist bereit zu einem Handelskrieg
Französische Regierungssprecherin Sophie Primas

Frankreich rechnet im Gegenzug mit EU-Maßnahmen gegen US-Digitalkonzerne. In ihrer Antwort auf die Zölle könne die EU wohl „die digitalen Dienste angreifen“, sagte die französische Regierungssprecherin Sophie Primas am Donnerstagmorgen in Paris. Die EU sei „bereit zu einem Handelskrieg“.

Die britische Regierung blieb indes zurückhaltend. „Die USA sind unser engster Verbündeter“, sagte Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds am Donnerstag. Das Vereinigte Königreich sei weiterhin entschlossen, ein Handelsabkommen mit den USA abzuschließen, „von dem wir hoffen, dass es die Auswirkungen (...) abmildern wird“.

Reaktionen aus Deutschland auf US-Zölle: „Kann eine Spirale in Gang setzen“

Anders als für die Länder der Europäischen Union, deren Exporte in die Vereinigten Staaten ab kommender Woche mit einem Zoll von 20 Prozent belegt werden, sind für Großbritannien 10 Prozent fällig. Das Vereinigte Königreich ist seit Januar 2021 nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes und der Zollunion.

Sorge vor den Auswirkungen der neuen Zölle wurden auch in Deutschland laut. Der amtierende Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck fürchtet verheerende Folgen, schrieb er auf X. „Die US-Zoll-Manie kann eine Spirale in Gang setzen, die auch Länder in die Rezession reißen kann und weltweit massiv schadet. Mit schlimmen Folgen für viele Menschen.“

Der Grünen-Politiker sagt einen Schaden für die europäische und die US-Wirtschaft voraus. Die Europäische Kommission habe immer auf Verhandlungen statt Konfrontation gesetzt. Diesen Weg wolle man beibehalten. Doch sollte Trump nicht an einer Lösung interessiert sein, werde Europa geschlossen agieren. „Wir haben den größten gemeinsamen Binnenmarkt der Welt. Diese Stärke müssen wir nutzen“, so der Minister.

Für die Verbraucher in den USA wird der Tag nicht zum Liberation Day, sondern zum Inflation Day
Robert Habeck

Trump hatte den Mittwoch als „Liberation Day“, also „Befreiungstag“, bezeichnet. Das sieht Robert Habeck allerdings anders: „Für die Verbraucher in den USA wird der Tag nicht zum Liberation Day, sondern zum Inflation Day“, erklärte der Grünen-Politiker.

Außenministerin Annalena Baerbock sagte am Rande eines Treffens in Brüssel, es sei ein „absolut schlechter Tag“ für die Weltwirtschaft. Wie Habeck wies sie darauf hin, dass die Europäer keinen Handelskrieg wollen, sondern für Gespräche offen seien. Gleichzeitig sei Europa „stark aufgestellt, um sich selber zu schützen“.

Scholz wirft Trump „Anschlag“ auf die Handelsordnung vor

Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bezeichnete die Zölle als schweren ökonomischen Fehler. „Das ist ein Anschlag auf eine Handelsordnung, die Wohlstand überall auf dem Globus geschaffen hat“, sagte Scholz. „Die gesamte Weltwirtschaft wird unter diesen undurchdachten Entscheidungen leiden, Unternehmen wie Verbraucherinnen und Verbraucher überall in der Welt, auch in den USA.“

Die US-Regierung beschreite einen Weg, an dessen Ende es nur Verlierer geben werde, sagte Scholz weiter. Auch er betonte, dass die EU für Gespräche mit der amerikanischen Regierung zur Verfügung stehe, um einen Handelskrieg abzuwenden.  Man werde aber europäische Interessen verteidigen. 

„Die Zölle werden sich verheerend auswirken“, befand auch Bundesgesundheitsminister Dr. Karl Lauterbach (SPD). Medikamente sind nach Angaben des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VFA) vom neuen US-Zollpaket ausgenommen. Er setze darauf, dass dies so bleibe, schrieb Lauterbach auf X. Andernfalls habe die EU bereits die Rückverlagerung der Produktion im Blick.

Handelskonflikt gegen die gesamte Welt könne Trump nicht gewinnen

Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, attestierte dem US-Präsidenten, einen „schweren und möglicherweise fatalen Fehler“ gemacht zu haben. Der Handelskonflikt schaffe nur Verlierer. Der Ökonom schrieb auf X, dass Trumps Wählerinnen und Wähler sowie die Wirtschaft in den USA die größten Verlierer seien.

Donald Trump könne einen Handelskonflikt gegen die gesamte Welt nicht gewinnen, so Marcel Fratzscher – dafür markiere seine Entscheidung das Ende der multilaterale Weltordnung in Bezug auf Wirtschaft und Handel. Seine Einschätzung lautet: „Die beste Antwort dürfte die Einführung gleich hoher Zölle sein.“ Das schütze die Glaubwürdigkeit der EU.

Der Professor der Humboldt-Universität schlug des Weiteren vor, geschlossen gegen die US-Digitalkonzerne vorzugehen. Das wäre beispielsweise durch Steuern, aber auch in Bezug auf die Durchsetzung europäischen Datenschutzes bei X, Facebook und Co. denkbar.

Deutsche Autohersteller sind entsetzt: Arbeitsplätze in Gefahr

Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnet mit immensen Auswirkungen der angekündigten Zölle: Sie „markieren einen fundamentalen handelspolitischen Einschnitt“, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller. „Die angekündigten Maßnahmen sind zudem eine massive Belastung und Herausforderung sowohl für die Unternehmen als auch die globalen Lieferketten der Automobilindustrie.“

Die Folgen der 25 Prozent-Zölle, die ab heute auf Pkw gelten, seien noch schwer einzuschätzen, so Müller weiter. „Klar ist allerdings schon jetzt, dass diese Entwicklung weltweit negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben wird. Das wird auch Arbeitsplätze betreffen.“

Die EU sei jetzt gefordert, geschlossen „und mit entsprechender Stärke“ aufzutreten, müsse aber zugleich weiter Verhandlungsbreitschaft zeigen, forderte Müller. „Die EU muss jetzt Verfechter für den freien und fairen globalen Handel sein. Deutschlands und Europas Wirtschaft benötigt starke Allianzen und belastbare Netzwerke.“ (mit dpa/afp)