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KinderbetreuungBei der Gemeinde Kall arbeitet fast jeder Zweite im Kitabereich

Lesezeit 4 Minuten
Florian Marx, Anja Schlösser, Nina Pützer, Michelle Dahm, Hermann-Josef Esser und André Kaudel sitzen auf Hockern in der Kinderbuchabteilung der Gemeindebibliothek.

Um die neun Kindergärten der Gemeinde Kall kümmern sich: (v.l.) Florian Marx, Anja Schlösser (vorne), Nina Pützer, Michelle Dahm, Hermann-Josef Esser und André Kaudel.

Die Gemeinde Kall hat neun von elf Kindergärten in eigener Trägerschaft. Fast jeder zweite Mitarbeiter der Gemeinde arbeitet in dem Bereich.

Die Nachfrage nach Kindergartenplätzen zu decken, ist für alle Kommunen eine riesige Herausforderung. Besonders groß ist der Aufwand vor allem in den Städten und Gemeinden, die in großen Teilen oder komplett die Trägerschaft für die Einrichtungen selbst übernehmen (siehe „Unterschiedliche Modelle“). Ein Beispiel dafür ist die Gemeinde Kall, die für neun Kindergärten verantwortlich ist und bei der mittlerweile knapp die Hälfte der Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung im Kita-Bereich tätig ist.

Für eine so kleine Kommune eine Herausforderung

Von den elf Kindergärten in Kall sind neun in Trägerschaft der Gemeinde. Ausnahmen sind lediglich die integrative Kindertagesstätte St. Nikolaus der Caritas Lebenswelten und der Waldkindergarten Amselnest der Kita Router gGmbH. Neben vier Einrichtungen im Kernort gibt es weitere in Golbach, Keldenich, Krekel, Scheven, Sistig sowie zwei in Sötenich. Im Kindergartenjahr 2024/25 stehen laut Verwaltung in der Gemeinde 82 Plätze für Kinder unter drei Jahren und weitere 334 für die älteren zur Verfügung.

„Es ist uns gelungen, das Gemeindegebiet flächendeckend zu versorgen, so dass die Eltern keine langen Wege in Kauf nehmen müssen“, erklärte Bürgermeister Hermann-Josef Esser. Von Bedeutung sei dies auch in Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Zu verdanken ist das Konzept der eigenen Trägerschaft dem Schulterschluss von Verwaltung und Politik“, so Esser. Für eine kleine Kommune wie Kall sei das eine Herausforderung.

Zur Ausbildung im eigenen Haus gibt es keine Alternative

So habe die Entwicklung unter anderem dazu geführt, dass mittlerweile fast jeder zweite Beschäftigte der Gemeinde im Kita-Bereich arbeite, sagte Personalleiterin Anja Schlösser. Dazu gehören neben dem pädagogischen Personal auch Alltagshelfer und Kräfte für die Übermittagsbetreuung. Schlösser muss sich laufend um Neueinstellungen, Versetzungen, Entfristungen und um Wünsche nach kürzeren oder längeren Arbeitszeiten kümmern. „Mehr als 140 personelle Maßnahmen stehen pro Jahr in dem Bereich an. Erschwert wird die Arbeit durch den Fachkräftemangel und die ständige Suche nach Personal“, sagte Schlösser.

Zum Glück, so der Bürgermeister, gebe es immer wieder Bewerbungen. „Viele geben an, gerne bei einem öffentlichen Träger arbeiten zu wollen, weil sie den sicheren Arbeitsplatz mit Tarifbindung zu schätzen wissen.“ Um ausreichend Personal zu finden, gebe es zur Ausbildung im eigenen Haus keine Alternative.

Arbeitsaufwand der Mitarbeiter ist deutlich gestiegen

Damit die Kaller Kitas in einem ordentlichen Zustand sind, müssen regelmäßig Mitarbeiter des Bauhofs ausrücken. „Täglich meldet sich eine Einrichtung, weil etwas gemacht werden muss“, berichteten Bauhofleiter André Kaudel und sein Stellvertreter Florian Marx. Der Bauhof sei zuständig für die Heizungen und Sanitärbereiche, die Grünpflege, die Sicherheit der Spielplätze und vieles mehr.

„Viele Eltern sehen aber leider nicht, wie viel Aufwand hinter dem Betrieb von Kindergärten steckt“, bemängelte Esser. „In den sechs Jahren, in denen ich den Bereich betreue, hat sich vieles verändert“, erzählte Nina Pützer, die als Teamleiterin unter anderem für die gemeindlichen Kitas zuständig ist und dabei von Michelle Dahm unterstützt wird.

Zum einen sei der Arbeitsaufwand deutlich gestiegen, zum anderen gebe es mehr Beschwerden von Eltern, und der Ton werde rauer: „Insbesondere seit Corona merkt man, dass viele Eltern unter einem großen Druck stehen.“

Kinderbildungsgesetz regelt die Vorgaben

Pützer und Dahm sind Ansprechpartnerinnen für die Beschäftigten bei allem, was die inhaltliche Arbeit betrifft. Im Bedarfsfall begleiten sie Einzelgespräche und Teamsitzungen, achten auf die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben und organisieren Leitungsrunden. In pädagogischen Fragen sind die Fachberaterinnen Nadine Kaiser und Angelina Hoven zuständig, die neben Kall auch die Kommunen Dahlem, Nettersheim und Zülpich betreuen.

In vielen Fragen seien die Entscheidungen aufgrund gesetzlicher Vorgaben durch das Kinderbildungsgesetz alternativlos, betonte der Bürgermeister. „Wenn etwa während einer Grippewelle krankheitsbedingt der vorgeschriebene Betreuungsschlüssel nicht eingehalten werden kann, müssen wir eine Notbetreuung einrichten oder im ungünstigsten Fall eine Einrichtung schließen.“

Eltern sind oft auf die Betreuung angewiesen

Er verstehe, dass das für die Eltern oft problematisch sei, insbesondere, wenn sie aus beruflichen Gründen auf die Betreuung angewiesen seien: „Aber wir haben da keinen Handlungsspielraum.“ Dahm ergänzte: „Bei vielen Eltern fehlt das Verständnis dafür, dass wir uns an die rechtlichen Vorgaben halten müssen.“ Bauhofleiter Kaudel spricht von einem gesamtgesellschaftlichen Problem: „Die Leute sind schnell unzufrieden. Sie vernetzen sich in den Sozialen Medien und schimpfen beispielsweise über den Winterdienst oder zu spät abgeholten Müll.“

Den zahlreichen Nachteilen von Kitas in eigener Trägerschaft stehen aber auch Vorteile gegenüber. „Kitaleitungen und Mitarbeiter können sich untereinander austauschen und unterstützen. Das gilt auch für Material und Möbel“, so Pützer. Außerdem entscheide die Gemeinde, an welchen Standorten Kitas angeboten werden und welches Personal eingestellt wird. „Was günstiger für die Gemeinde ist, hängt letztlich davon ab, wie hoch die Zuschüsse des Landes für die Betriebskosten sind“, sagte Plützer. Reichen die nicht aus, ist die Gemeinde wieder gefordert.


So sieht es in den anderen Kommunen im Kreis Euskirchen aus

Nach Angaben des Kreises Euskirchen sind in Dahlem alle Kitas in kommunaler Trägerschaft. In Kall und Nettersheim sind es je 71 Prozent, in Zülpich 37 und in Euskirchen etwa die Hälfte. Die Kommunen Bad Münstereifel, Blankenheim, Hellenthal, Mechernich, Schleiden und Weilerswist haben nach Auskunft der Kreisverwaltung keine Kitas in eigener Trägerschaft.