Innenminister Herbert Reul übergab Urkunden an Schülerinnen und Schüler, die einen Podcast in 17 Sprachen übersetzen. Europol warnt vor Gruppen, die zu Gewalttaten aufrufen.
Reul ehrt Frechener RealschülerPodcast der Polizei zu Cybergrooming macht Schule

Innenminister Herbert Reul ehrte am Donnerstag in Bergheim rund 40 Schülerinnen und Schüler der Realschule Frechen. Unter ihnen Tina aus der 8e. Sie übersetzte den Podcast in die englische Sprache.
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Als die beiden 15 Jahre alten Schüler Thanu und Marcel am Donnerstag im Zentralgebäude der Polizei in Bergheim vor das Mikrofon treten und neben den Mitschülern auch NRW-Innenminister Herbert Reul begrüßen, verstehen die meisten Zuhörer kein Wort. Kein Wunder, denn die Schüler sprechen Tamilisch und Rumänisch. Das sind nur zwei Sprachen, in denen die Schülerinnen und Schüler der Realschule Frechen in Zusammenarbeit mit der Polizei des Rhein-Erft-Kreises einen Podcast zu Thema Cybergrooming übersetzt haben.
Cybergrooming nennt man es, wenn sich Erwachsene im Internet die Nähe zu Kinder suchen. Ihr Ziel: sexueller Missbrauch. Oft geben sie sich – zum Beispiel in Online-Spielen oder Chats, dort, wo die Kinder und Jugendlichen alleine in Netz unterwegs sind – als Gleichaltrige oder verständnisvolle ältere Kumpel aus. So gewinnen die Täter das Vertrauen der Kinder. Ziel ist es meist, sich zu verabreden und das Kind sexuell zu missbrauchen. Insgesamt ist der Podcast, in dem zum einen über die Gefahren aufgeklärt und zum anderen Tipps an die Eltern gegeben werden, von den Kindern und Jugendlichen der Realschule in 17 Sprachen übersetzt worden.
40 Urkunden für die Schülerinnen und Schüler
NRW-Innenminister Herbert Reul zeigte sich beeindruckt, legte seine vorbereitete Rede zur Seite und erklärte: „Ich bin überrascht, wie viele Schülerinnen und Schüler sich für dieses Thema interessieren. Das Projekt ist eine Wucht.“ Im Gepäck hatte der Innenminister einen Stapel mit Urkunden, die er an die über 40 Kinder und Jugendlichen persönlich überreichte und sich für ihr Engagement bedankte. Als dann noch bekannt wurde, dass Albin Geburtstag hatte, stimmte der Innenminister zum Ständchen „Happy Birthday“ an.

Gruppenfoto mit dem NRW-Innenminister Herbert Reul. Die Schülerinnen und Schüler erhielten Urkunden vom Innenminister für ihr Engagement.
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Angefangen habe das Projekt mit dem Podcast „Sicher im Netz“ vor etwa vier Jahren, erläuterte Martina Rautenberg von der Polizei, die das Projekt betreut. Bei Elternabenden fiel auf, dass Sprachbarrieren zutage kamen und viele Erziehungsberechtigten nichts oder nur wenig von dem verstanden, was eigentlich vermittelt werden sollte.
Parallel läuft von der Landesanstalt für Medien NRW das Projekt Medienscouts. An inzwischen 1200 Schulen in NRW sind jeweils vier Schüler und zwei Lehrer pro Schule ausgebildet worden. Dabei geht es darum, präventiv Probleme wie Cybermobbing, Sexting, Datenmissbrauch und exzessive Mediennutzen im schulischen Alltag auszugreifen. „Die Medienscouts sollen im Anschluss ihr erlangtes Wissen an die Mitschüler weitergeben“, erklärt Rebecca Wasinski, Projektleiterin der Landesanstalt für Medien.

Polizeihauptkommissarin Martina Rautenberg leitet das Projekt bei der Polizei.
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Beide Projekte stehen eng zusammen. Die Aufklärung der Schüler durch Medienscouts im Schneeballprinzip und der Podcast zum Thema Cybergrooming, der durch die zahlreichen Übersetzungen nun auch Eltern, die die deutsche Sprache noch nicht so gut verstehen, verständlich vermittelt werden kann.
Dabei hatten weder Lehrerin Nina Schreitmüller noch Martina Rautenberg mit einer solchen Dynamik gerechnet. Zuerst waren Übersetzungen in englischer und türkischer Sprache geplant. „Dann kamen plötzlich die Kinder auf uns zu und sagten, ich kann auch noch eine Sprache, ich will mitmachen. Die Kinder sind absolut stolz, wenn sie sich mit ihrer Herkunftssprache einbringen können und eine besondere Wertschätzung erfahren. Sie werden plötzlich zu Experten“, so Schreitmüller.

Nina Schreitmüller, Lehrerin an der Realschule Frechen.
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Dass Cybergrooming ein zentrales Thema bei der Polizeiarbeit ist, weiß Peter Kikulski, Leiter der Direktion Kriminalität im Rhein-Erft-Kreis. Etwa 300 Fälle seien im Jahr 2024 allein im Rhein-Erft-Kreis bekannt geworden. Die Aufklärungsquote von knapp 90 Prozent sei sehr gut. Doch der Kriminaldirektor weiß auch, dass diese Fälle täglich hundertfach passieren und die Dunkelziffer absolut hoch ist. 14 Personen arbeiten in diesem Bereich, um bei Bekanntwerden von Taten die Fälle möglichst schnell aufzuklären und die Täter zu ermitteln.
Cybergrooming zieht jedoch immer größere Kreise. Es ist keine sechs Wochen her, da warnte die europäische Polizeibehörde Europol vor Cybergrooming durch Gruppen, die im Internet Kinder und Jugendliche zu sexuellen Handlungen, aber auch zu Gewaltakten überreden. Europol beschreibt diese Gruppierungen wie organisierte Sekten, die ihre Opfer gezielt auf Gaming-Plattformen suchen. Die organisierten Gruppen versuchen sich auch unter falscher Identität in Chats Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen, oftmals mit dem Ziel, sich auch im echten Leben mit ihnen zu treffen und sie zu missbrauchen. Die Opfer: Meist Kinder und Jugendliche in Alter zwischen 8 und 17 Jahren, nicht selten mit psychischen Problemen.
Seit Donnerstag steht der knapp vierminütige Podcast in zahlreichen Kanälen, darunter auch auf der Homepage der Polizei, abrufbereit zur Verfügung.
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