Der SkF Köln e.V. wird 125 Jahre alt– Zu Besuch in einer seiner ersten Einrichtungen, der Inobhutnahmestelle für Teenagerinnen.
Systemsprenger„Ich höre die tiefe Verzweiflung in ihren Schreien“

Szene aus dem Dokumentarfilm Systemsprenger, in dem es um ein junges Mädchen geht, bei dem sämtliche Hilfsangebote erfolglos bleiben. Ähnlich ergeht es vielen Teenagerinnen, die Reichenspergerhaus des SkF Köln aufsuchen.
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Immer wieder finden Leonie und Maria (Namen geändert) Schutz im Reichenspergerhaus. Wie allen anderen Teenagerinnen zwischen 14 und 18 Jahren, die sich in einer akuten Krise befinden und keinen anderen Ort mehr kennen, an den sie vor Gewalt, Hunger oder Vernachlässigung in ihrer Familie fliehen können, bietet die Inobhutnahmestelle des Sozialdiensts katholischer Frauen Köln (SkF) den beiden Zuflucht und ein Zuhause auf Zeit. Einen Ort, an den sie immer wieder zurückkehren können, selbst wenn alle anderen Hilfesysteme gescheitert sind.
„Wir öffnen jeder jungen Frau die Tür, egal in welcher Situation sie sich befindet, woher sie stammt, zu welcher Uhrzeit sie kommt, und heißen sie mit den Worten willkommen: ‚Schön, dass Du da bist, hier bist Du in Sicherheit‘“, sagt die Sachgebietsleiterin des Reichenspergerhauses (RPH) Dina Hollmann.
Vergebliche Suche nach einem Zuhause und einer heilen Welt
In der Inobhutnahmestelle, ruhig und zentral in einem Lindenthaler Wohngebiet gelegen, ist Platz für 18 Mädchen und junge Frauen, die akut Hilfe brauchen. Weil sie vom Jugendamt aus ihrer Familie genommen wurden oder ihr Zuhause, sei es das Elternhaus oder Heim, aus eigenem Antrieb verlassen haben. Weil sie aus der Psychiatrie oder Haft entlassen wurden. Oder weil sie zwischen den verschiedenen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe hin- und herpendeln – und sich nirgendwo beheimaten können. Oder wollen.
Viele von ihnen sind traumatisiert, suchtgefährdet, psychisch krank oder aggressiv, haben Gewalt oder Vernachlässigung, Beziehungs- und Bindungsabbrüche in ihrer Familie erlebt, Prostitution erfahren, sind minderjährig, ohne ihre Familie geflüchtet oder verweigern die Schule. „Bei uns finden sie eine sichere Unterkunft, bis wir gemeinsam mit ihnen, den Mitarbeitenden des Jugendamts, eventuell den Eltern oder Vormündern ihre weitere Perspektive geklärt und einen ersten Hilfeplan verabredet haben“, sagt Hollmann.
Von der Polizei aufgegriffen und in Obhut genommen
Daneben gibt es für 14 weitere junge Frauen, die besonders belastet sind, und erstmal Ruhe und Zeit benötigen, um sich wieder auf Hilfe einlassen zu können, das sogenannte Perspektivwohnen. Noch niedrigschwelliger ist die Notschlafstelle N8, die der SkF in Mülheim aufgebaut hat, um Mädchen, die durch das System fallen, ein letztes Rettungsnetz zu spannen.
Manche Teenagerinnen bleiben eine Nacht, andere bis zu einem halben Jahr, wieder andere kommen immer wieder – wie Leonie. Seit ihrem 14. Lebensjahr klopft sie regelmäßig an der Tür des RPHs an oder wird von der Polizei dort abgeliefert. Denn aller häuslichen Gewalt zum Trotz, möchte sie unbedingt bei ihrer Familie leben, kehrt immer wieder dorthin zurück, bis die Situation eskaliert. Und Leonie von intensivpädagogischem Angebot zu Angebot – in Köln, NRW und über die Landesgrenzen hinweg – „gereicht wird“. Doch kein Hilfesetting kann ihren Einschränkungen und Auffälligkeiten dauerhaft gerecht werden. Immer wieder fliegt sie aus den Einrichtungen, da sie mit den Vorschriften, Mitbewohnerinnen oder Mitarbeitenden nicht klarkommt, mitunter gewalttätig ist.
Ein Leben auf den Straßen Kölns und in Notschlafstellen
Die Straßen rund um den Kölner Hauptbahnhof werden zu ihrem Lebensmittelpunkt – wenn sie sich nicht im RPH oder in der Schule aufhält, um ihr Handy aufzuladen. Am Tag schluckt sie die Anonymität der Großstadt, nachts sucht sie Schutz bei vermeintlichen Freunden – oder in der Notschlafstelle N8.
„Leonie leidet unter kognitiven Einschränkungen, die sie schnell an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringen. Wenn sie sich überfordert fühlt, rastet sie aus. Sie brüllt, schimpft bis zur völligen Erschöpfung. Ich kann an der Art der Schreie die tiefe Verzweiflung dieser Mädchen heraushören. Wären wir nicht pädagogisch zu Distanz verpflichtet, würde ich am liebsten jede von ihnen fest in den Arm nehmen“, sagt Hollmann – und erklärt: „Je früher und anhaltender Kinder mit Gefühlen von Ohnmacht, Angst und Hilflosigkeit konfrontiert werden, damit, nicht liebens- und schützenswert zu sein, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie langfristig Probleme mit der Selbststeuerung, der Regulation von Wut und Angst haben.“
Systemsprengerin mit großer Sehnsucht und Verzweiflung
Gleichzeitig hätten die betroffenen jungen Menschen aber eine große Sehnsucht nach einer umsorgenden Familie, einer heilen Welt. Und kehrten deshalb immer wieder in ihr von Vernachlässigung, Missbrauch, Gewalt oder Beziehungslosigkeit geprägtes Zuhause zurück. Vielen von ihnen sei bewusst, dass es ihnen aufgrund ihrer Biografie schwerer als anderen Gleichaltrigen fallen wird, eine Perspektive, die ihren sehnlichsten Wünschen entspricht, zu entwickeln und umzusetzen. Und sie drohten, an diesen hohen Anforderungen zu scheitern. Ein Teufelskreis.
Wenn sie sich überfordert fühlt, rastet Leonie aus, brüllt, schimpft bis zur völligen Erschöpfung. Ich kann an der Art der Schreie die tiefe Verzweiflung dieser Mädchen heraushören. Wären wir nicht pädagogisch zu Distanz verpflichtet, würde ich am liebsten jede von ihnen fest in den Arm nehmen
Leonie zählt wie auch Maria zu denjenigen jungen Menschen, die spätestens seit dem preisgekrönten gleichnamigen Film, „Systemsprenger“ genannt werden, weil sämtliche, vom System vorgesehenen Hilfsangebote erfolglos bleiben – und auch, weil sie in ihrem jungen Leben noch keinen Ort erlebt haben, an dem sie sich wertgeschätzt, geliebt und zu Hause fühlen konnten.
Gefühl der Geborgenheit kann Wendepunkt im Leben auslösen
Maria wurde mit einer Sondergenehmigung bereits mit 13 Jahren im RPH untergebracht. Zuvor hat sie sämtliche Hilfen boykottiert – auch weil sie unter der Fetalen Alkoholspektrumsstörung (FASD) leidet, verursacht durch den Alkoholkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft. Und die sich bei Maria in psychischen Auffälligkeiten, hohem Aggressionspotenzial, fehlender Selbststeuerung und kognitiven Einschränkungen äußert.
Seitdem sie 13 Jahre alt ist, lebt Maria unsicher und unstet zwischen Familie, Psychiatrie, den Kölner Straßen, dem RPH und N8. „Manchmal,“ sagt Hollmann, „erleben wir auch, dass plötzlich eine studierte Frau anklopft, und sich bedankt für das einmalige Gefühl der Geborgenheit, das sie bei uns erfahren und das einen Wendepunkt in ihrem Leben bedeutet hat“. Andere junge Frauen würden ihr Leben in einer Endlosschleife rund um das Wiedererleben und die Abwehr traumatisierender Ereignisse organisieren.
125 Jahre Sozialdienst katholischer Frauen Köln e.V.
Die Inobhutnahmestelle Reichenspergerhaus, die im Jahr 1908 als Aufnahmeheim für obdachlose Jugendliche errichtet wurde, ist fast so alt wie der SkF Köln selbst, der in diesem Jahr 125-jähriges Bestehen feiert. Da sich Frauen seinerzeit hierzulande kaum gesellschaftlich und politisch beteiligen konnten, entstanden viele Frauenvereine, die sich für Frauenrechte, Bildungschancen und gegen Frauenarmut engagierten.
So hatte auch Agnes Neuhaus in Dortmund einen Verein gegründet, um Mittel für die Unterbringung von aus der Haft entlassenen Mädchen und Frauen in Klöstern zu beschaffen. Seit 1899 setzte sich Marie Le Hanne Reichensperger in Köln für Kinder, Jugendliche und Frauen, darunter auch straffällige, in Not ein. Im August 1900 trafen sich die beiden Frauen in Köln und beschlossen, noch im selben Jahr einen gemeinsamen Verein zu gründen. Zum Jahreswechsel 1901/1902 erhielt er den neuen Namen „Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen und Frauen“. Seit 1969 heißt er – wie die heute insgesamt 120 Ortsvereine – „Sozialdienst katholischer Frauen.“
Manchmal erleben wir auch, dass plötzlich eine studierte Frau anklopft, und sich bedankt für das einmalige Gefühl der Geborgenheit, das sie bei uns erfahren und das einen Wendepunkt in ihrem Leben bedeutet hat
Eines der größeren Projekte des Kölner Vereins war – neben dem Reichenspergerhaus – das im Jahr 1904 gegründete „Josefshaus“, in dem alleinstehende Mütter mit ihren Kindern Zuflucht fanden. Seitdem führt der SkF seine traditionellen Angebote in Köln weiter fort – bietet obdachlosen Jugendlichen Schutz und Hilfe, betreut Frauen, die sich auf dem Straßenstrich prostituieren, unterhält mehrere Häuser, in denen Alleinerziehende das Leben mit Kind einüben können, betreut Frauen in Haft und danach.
Und der SkF entwickelt neue Projekte, wie den sicheren Straßenstrich an der Geestemünder Straße, die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, das Clearingwohnen für suchtkranke Schwangere, Mütter und ihre Kinder. Wichtig ist für den SkF die Prävention, um es erst gar nicht zu Notlagen kommen zu lassen – aktuell etwa mit seinem Engagement im Bereich Frühe Hilfen oder den Familienhäusern im Kölner Norden.
Ein helfendes Kölner Duett
Auch die Geschichte von „wir helfen“ ist eng verwoben mit der Historie des SkF. Noch bevor die Hilfsaktion dieser Zeitung für Kinder in Not im Jahr 1998 zum Verein wurde, hat sie gemeinsam mit dem SkF 1994 Kölns erste Notschlafstelle für junge Frauen ermöglicht: Das „Comeback“ ist heute eine Einrichtung ausschließlich für wohnungslose erwachsene Frauen, in der sich, in den traurigsten Fällen, auch frühere Besucherinnen des RPHs wiederfinden. Man kann Leonie und Maria nur wünschen, dass sie sich irgendwann an die Geborgenheit erinnern, die sie dort erfahren haben – und sich ihr Leben dadurch zum Guten wendet.
So können Sie helfen
- Mit unserer Jahresaktion „wir helfen: dass Kinder wieder mutig in die Zukunft gehen“ bitten wir um Spenden für Projekte in Köln und der Region, die benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu einer guten Zukunftsperspektive verhelfen und die Kompetenzen, die sie dafür brauchen, fördern und stärken.
- Die Spendenkonten lauten: wir helfen – Der Unterstützungsverein von M. DuMont Schauberg e. V.
- Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55
- Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25
- Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung, geben Sie bitte +S+ im Verwendungszweck an. Sollten sie regelmäßig spenden, ist auch eine jährliche Bescheinigung möglich. Bitte melden Sie sich hierzu per E-Mail bei uns. Soll Ihre Spende nicht veröffentlicht werden, notieren Sie +A+ im Verwendungszweck. Möchten Sie anonym bleiben und eine Spendenbescheinigung erhalten, kennzeichnen Sie dies bitte mit +AS+. Bitte geben Sie in jedem Fall Ihre komplette Adresse an. Auch wenn Sie ein Zeitungsabonnement der „kstamedien“ beziehen, ist Ihre Adresse nicht automatisch hinterlegt.
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- Kontakt: „wir helfen e.V.“, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, Telefon: 0221-224-2789 (Allgemeines/Anträge, Regine Leuker), 0221-224-2130 (Redaktion, Caroline Kron), E-Mail_ wirhelfen@kstamedien.de
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