Der 18-jährige Beschuldigte sitzt derzeit wegen eines Raubüberfalls in den Niederlanden in Haft.
Drogenkrieg in KölnPolizei fasst mutmaßlichen Täter nach Explosion auf der Ehrenstraße

Mitte September 2024 zerstörte eine Explosion ein Bekleidungsgeschäft auf der Ehrenstraße.
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Die Operation der Kölner Polizei unterlag strengster Geheimhaltung. Durch akribische Nachforschungen haben die Kripo-Beamten der Ermittlungsgruppe (EG) „Fusion“ sechs Monate nach dem Brandanschlag auf das Bekleidungsgeschäft LFDY in der Ehrenstraße den Tatverdächtigen in den Niederlanden aufgespürt. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ aus Ermittlerkreisen erfuhr, handelt es sich um Elias M. (Name gändert). Der 18-jährige Niederländer soll am frühen Morgen des 18. September 2024 die Schaufensterscheiben eingeschlagen und einen Brandsatz gezündet haben, der explodierte. Nach der Tat floh der mutmaßliche Attentäter zum Kölner Hauptbahnhof. Laut Polizei stieg er dort in die S6 nach Düsseldorf. Von dort gelang ihm die Flucht nach Holland.
Aus den Aufnahmen der Überwachungskameras am Kölner Hauptbahnhof konnten die Ermittler den Tatverdächtigen herausfiltern: Elias M. trug eine schwarze Kapuzenjacke mit weißem Aufdruck auf der linken Brust, ein schwarzes Basecap mit rotem Logo, eine schwarze Sporthose sowie schwarze-graue Turnschuhe, er hielt eine blaue Plastiktüte in der Hand. Die Bilder wurden über eine Öffentlichkeitsfahndung in Deutschland und in den Niederlanden veröffentlicht. Ferner kam die EG Fusion dem 18-jährigen durch eine Abfrage von Funkzellendaten auf die Spur. Die Staatsanwaltschaft Köln erwirkte einen europäischen Haftbefehl. Nun soll der Beschuldigte nach Deutschland ausgeliefert werden.
Köln: Verdächtiger soll nach Deutschland ausgeliefert werden
Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ weiter erfuhr, sitzt Elias M. derzeit in seiner Heimat wegen eines Raubüberfalls in Haft. Am Freitag bestätigten Polizei und Staatsanwaltschaft dann die Festnahme. Gemeinsam mit der niederländischen Polizei habe man den mutmaßlichen Täter identifiziert und am Donnerstag die mutmaßliche Tatkleidung sichergestellt. „Es wird dem Verdacht nachgegangen, dass diese Tat im Zusammenhang mit der Durchsetzung bislang nicht näher bestimmbarer Geldforderungen stehen könnte“, sagte ein Sprecher der Polizei. Diese richten sich allerdings nicht gegen den Inhaber des Geschäfts, sondern gegen Personen aus dem Umfeld, hieß es weiter.
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Die Ermittler wollten zuvor noch mit der Verkündung des europäischen Haftbefehls warten, um möglicherweise weitere Spuren zu den Auftraggebern des Anschlags in Köln auszumachen. Am Freitag durchsuchten sie die Wohnung der Mutter und präsentierten dem Tatverdächtigen den Haftbefehl. Nun müssen die niederländischen Behörden über das Auslieferungsersuchen entscheiden.
Der Ermittlungserfolg ist das vorläufig letzte Kapitel einer Serie von Sprengstoffanschlägen und Geiselnahmen inmitten eines Drogenkrieges in Köln. Dabei geht es um den Raub von 350 Kilogramm Cannabis. Immer wieder beauftragen Gangster aus Köln und Umgebung niederländische Attentäter oder Leute fürs Grobe mit Spezialaufträgen. Über eine Online-Plattform sollen junge Männer in den Niederlanden angeheuert worden sein, die dann Explosionen vor Wohnhäusern und Geschäften in Köln und anderen NRW-Städten verursachten. Kölns Kripo-Chef Michael Esser spricht von „Violence as a service“ – Gewalt als Dienstleistung. „Die Täter kennen dabei in der Regel weder den Auftraggeber noch die Hintergründe der Tat“, erläutert der Leitende Kriminaldirektor. Den Lohn erhalten die Gangster nach Tatausführung über Mittelsmänner.
Es ist ein System, das unter anderem die so genannte Mocro-Mafia in der niederländischen Drogenszene benutzt.
Dabei werden die Täter immer jünger. Zwei Tage vor dem Anschlag auf den Kleider-Shop in der Ehrenstraße ging ganz in der Nähe ein weiterer Sprengsatz hoch. Er sorgte für einen hohen Sachschaden und verletzte einen Hausmeister leicht. Der Mann beging kurz darauf Selbstmord, womöglich weil er an einen persönlichen Racheakt glaubte. Jahrzehnte zuvor hatte er nach eigener Aussage einen Missbrauchsfall eines Bekannten angezeigt.
Mit Bild-Sequenzen aus Überwachungskameras baute die EG „Fusion“ einen enormen Fahndungsdruck bis nach Holland auf. Am 20. Februar stellte sich der mutmaßliche Bombenleger im Beisein seiner Verteidigerin der Kölner Polizei. Es handelte sich um einen 16-jährigen Niederländer. Zur Tatzeit war er gerade einmal 15 Jahre alt. Laut Staatsanwaltschaft gestand der Jugendliche den Anschlag, weitere Angaben zum Motiv und etwaigen Komplizen habe er aber verweigert, hieß es. Mit Blick auf sein Alter und den festen Wohnsitz in Holland verschonte der Amtsrichter den Beschuldigten von der Untersuchungshaft. Allerdings muss sich der Teenager regelmäßig bei der niederländischen Polizei melden. Seine Anwältin wollte sich auf Anfrage nicht zu Details äußern.