Die Metalcore-Band Knocked Loose aus Kentucky stellt in Köln neue Rekorde in Sachen Härte und Headbangen auf.
Knocked Loose im PalladiumDer perfekte Soundtrack für eine Welt, die aus den Fugen geraten ist

Knocked-Loose-Sänger Bryan Garris im Kölner Palladium
Copyright: Thilo Schmülgen
Den Rücken rundzumachen und den Schädel headbangend nach unten zu werfen, dazu lädt die herrlich brutale Musik von Knocked Loose ein. Dumm nur, wenn man dann vergisst, gelegentlich wieder nach oben zu gucken. Schon sitzt einem das Gewicht eines ausgewachsenen Metal-Fans im Nacken. Der will sich von der Menge in Richtung der Bühne tragen lassen und hatte an dieser Stelle eine helfende Hand erwartet.
Kaum, dass man sich selbst wieder aufgerichtet und den Crowdsurfer auf Flughöhe gepresst hat, ploppt bereits der nächste Kandidat aus der Menge. Mit einer Hand greift er fest sein Telefon, um sich selbst beim Ritt über die Köpfe zu filmen. Nur knapp weicht man einem Stiefel aus, der die Luft nach Halt absucht. Aber das waren die noch vergleichsweise ruhigen Momente am Dienstagabend im Palladium, im gelben Widerschein eines Kreuzes aus Neonröhren.
Knocked Loose tourten, soweit sie ihre Körper trugen
Gegründet hat sich das Quintett 2013 in Oldham County, Kentucky. Tiefste amerikanische Provinz, mit stark eingeschränktem Alkoholausschank. Musik klingt hier automatisch härter, sie muss schwerere Lasten schultern. Die Bandmitglieder tourten, soweit sie ihre Körper trugen. Es ging immer um die Liveshow. Darum, in einem geschlossenen Raum die größtmöglichen Energieentladungen zu erzeugen. Niemals stillzustehen, denn die Stille ist der Tod.
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„Wenn der Sturm nachlässt“, kreischt Sänger Bryan Garris in „The Calm That Keeps You Awake“, „enthüllen die auflösenden Wolken deinen Kummer.“ Seine Stimme ist für Metal-Verhältnisse ungewöhnlich hoch, er klingt exakt wie jemand, dem gerade ein Bein mit der Kettensäge entfernt wird, dies aber auf perverse Weise genießt. Sein scharfes Heulen fährt in alle Glieder. Manchmal gurgelt Garris, als verabreichte sich der Tod eine Mundspülung: „Gott weiß, dass ich in die Hölle gehöre / Deshalb hat er mich dort allein gelassen.“
Ihre Rastlosigkeit trug Knocked Loose von Jahr zu Jahr weiter in den Mainstream. 2025 war die Band zum ersten Mal für einen Grammy nominiert, vergangenen Herbst stellte ihr Jimmy Kimmel in seiner Late-Night-Show eine eigene Open-Air-Bühne zur Verfügung, um den Feuereifer der Band auch im Fernsehen einzufangen – was Knocked Loose mit dem aktuellen Album „You Won't Go Before You're Supposed To“ endlich auch auf Tonträger gelungen ist, die Musik springt den Hörer mit entfesselter Aggression an, wie ein hungriges Raubtier aus dem Busch. Ihren Weg in immer größere Hallen geht die Band ohne Zugeständnisse, klassische Songstrukturen oder mitpfeifbare Melodien sucht man hier vergeblich.
Niemand geht vor seiner Zeit: Der Titel zitiert eine Sitznachbarin des Sängers in einer sturmumtosten Maschine, aus deren Rückenlehnen noch Aschenbecher klappten. Die alte Dame wollte mit ihrem Glaubenssatz Bryan Garris' Flugangst lindern. Die Turbulenzen im Palladium haben gleich mit den ersten Songs ihren Höhepunkt erreicht. Stillstehen ist unmöglich. Gitarrist Isaac Hale – im langen schwarzen Rock – brüllt Anweisungen ins Mikrofon wie ein Turnlehrer beim Zirkeltraining: riesige Moshpits werden gebildet, Ellenbogen werden ausgefahren, Hacken hochgezogen. Alles rennt, rempelt, flüchtet. Die Masse teilt sich zur Todeswand auf, bildet zwei Hälften, die beim einsetzenden Breakdown mit fröhlichem Kriegsgeschrei aufeinander zu sprinten.

Knocked Loose im Palladium, rechts vorne Gitarrist Isaac Hale
Copyright: Thilo Schmülgen
Früher war das schwere Riff die Königsform des Metal, beim heutigen, Punk-infizierten Metalcore ist es der Breakdown, also eine Passage aus verlangsamten (ab und an auch beschleunigten), aber straffen Anschlägen auf tiefer gestimmte Gitarren. Der gebremste Groove, die Pausen zwischen grollenden Erschütterungen wirken als Einladung, sich ins Gemenge zu werfen und ein paar blaue Flecken als Ehrenabzeichen abzuholen. Es besteht freilich kein Grund zur Panik: Um Tanzende, die eine Kontaktlinse auf dem Boden verloren haben oder sich den Schuh neu zubinden wollen, bildet sich sogleich ein schützender Kordon.
Die Band hat den Breakdown und auch die Vorfreude auf ihn zur Kunst erhoben. Manchmal folgt statt des erwarteten Riffing nur eine lang gehaltene Pause, manchmal übererfüllt sie die Publikumserwartungen und drosselt das Tempo auf ein schleppendes Viertel herunter.
Knocked Loose spielt den perfekten Soundtrack für eine volatil gewordene Welt. „Seid ihr wach?“, will Bryan Garris wissen. Und wie. Genießerisch wegzudriften ist hier nahezu unmöglich, gefährlich ist es zudem. Man weiß nie, wann einem der Himmel – oder zumindest ein unkontrolliert schwankender Crowdsurfer – auf den Kopf fällt.