Rund 10.000 Handwerksbetriebe sorgen in Köln und der Region dafür, dass nicht nur Geld in die Stadtkassen fließt, sondern dass auch Zugezogene leichter integriert werden.
FestaktKölner Handwerkskammer wird 125 Jahre alt – und will Image aufpolieren

Die Handwerkskammer zu Köln wird 125 Jahre alt und feiert das mit einem Festakt. Mit dabei waren unter anderem Hauptgeschäftsführer Erik Werdel (links), Oberbürgermeisterin Henriette Reker, und Ulrich Soénius, Direktor des Kölner Wirtschaftsarchivs.
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Als der preußische Handelsminister Theodor Möller im Jahr 1903 zum ersten Mal die Kölner Handwerkskammer besuchte, hatte er keine guten Nachrichten im Gepäck. „Wir kommen mit unseren Bestrebungen freilich in die ‚mageren Jahre‘, in denen es sehr schwer sein wird, große Staatsmittel flüssig zu machen, wo in dem Säckel ein großes Loch und ein Defizit vorhanden ist“, soll er damals gesagt haben. Auch heute noch könnten diese Worte so fallen: Es klafft ein Loch im Haushalt, Deutschland hat gerade erst ein historisches Schulden- und Investitionspaket auf den Weg gebracht.
Im Handwerk gibt es viel zu tun. Das Image der Branche ist weder zeitgemäß noch modern. Umsätze und Auftragsbestände sinken. Betriebe stellen immer öfter um auf Maschinen, die durch künstliche Intelligenz zwar effizienter und eigenständiger arbeiten, aber auch Geld kosten und neue Kenntnisse erfordern. Die Bürokratie ist nach wie vor hoch, einige Meister zahlen noch immer die Corona-Hilfen zurück. Und nebenbei bilden die Handwerksbetriebe aus – allein im Kammerbezirk Köln gibt es 4000 Lehrlinge, die mal mehr und mal weniger integriert und gefördert werden müssen.
„Köln ist die Stadt des Handwerks“
Doch am Donnerstag war die regionale Handwerkwirtschaft nicht zusammengekommen, um zu jammern, sondern um zu feiern: Die deutschen Handwerkskammern werden 125 Jahre alt. Die Handwerkskammer zu Köln wurde am 2. April 1900 gegründet. Rund 120 Gäste aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft, Handwerk und Gesellschaft waren also an den Heumarkt gekommen, es gab Sekt und Schnittchen, Blumen für Redner und Moderatoren. Sogar die Frau des Bundespräsidenten, Elke Büdenbender, hatte eine Grußbotschaft in Berlin aufgenommen.
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Die Handwerkskammer nutzte das Jubiläum auch dafür, sich der eigenen Verdienste bewusst zu werden. „Köln ist die Stadt des Handwerks. Es hat dazu beigetragen, dass Köln zur einzigen Millionenstadt am Rhein aufsteigen konnte“, sagte Oberbürgermeisterin Henriette Reker in ihrer Festrede. Die rund 10.000 Betriebe erwirtschafteten nicht nur einen Großteil der städtischen Gewerbesteuer, sondern übernehmen auch gesellschaftliche Aufgaben. „Sie integrieren Zugezogene und bilden sie zu hervorragenden Handwerkern aus“, sagte Reker.

Rund 120 Gäste aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft, Handwerk und Gesellschaft haben das Jubiläum der Handwerkskammer gefeiert.
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Fremde integrieren – das können die Kölner vergleichsweise gut. So überrascht es kaum, dass die Handwerkskammer Köln bei internationalen Beziehungen Vorreiterin war: In den 1960er Jahren startete beispielsweise ein Austauschprogramm mit französischen Gesellen aus Lyon. „Diese Beziehung führte dazu, Vorurteile abzubauen und lange vor dem staatlichen Handeln Europa erlebbar zu gestalten“, berichtete Ulrich Soénius, Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln.
Ressentiments galt es ebenso im eigenen Land abzubauen: „Die Kammer hat stets betont, dass nach dem Krieg hier viele Betriebe von Flüchtlingen und Vertriebenen aufgebaut wurden und sie sich für diese eingesetzt habe“, so Soenius. Auch Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten und DDR-Flüchtlinge wurden in Kölner Betrieben ausgebildet. „So sind in den Prüfungslisten der 1950/60er Jahre Geburtsorte aus Sachsen, Brandenburg oder Pommern zu finden. Über 50 Jahre später wiederholte sich die erfolgreiche Eingliederung von Flüchtlingen durch das Handwerk.“
Nur sechs Bundestagsabgeordnete sind Handwerksmeister
Es kam nicht von Ungefähr, dass die Gründungsversammlung der Handwerkskammer Köln direkt am 2. April 1900 stattfand, nur einen Tag nachdem der Reichstag das Innungswesen neu geregelt hatte. Die Kölner Kammer war eine der ersten in Deutschland, die direkt mit der Arbeit loslegte: „Aus ihrem Bezirk stammte der Reichstagsabgeordnete Jakob Euler. Der Bensberger Tischlermeister hatte sich vehement für die Einführung der Kammern im Reichstag eingesetzt“, berichtete Soénius.
Als 1953 die Handwerksordnung im Bundestag verabschiedet wurde, kam wiederum einer der wichtigsten parlamentarischen Handwerksvertreter aus Köln. „Dies zeigt, wie wichtig das Engagement von Handwerkern in den Parlamenten ist.“ Unter den 630 Abgeordneten des Bundestages sind aktuell nur sechs Meister, darunter niemand aus dem Rheinland. Auch in Köln wird bald ein Handwerks-Fan weniger die Geschicke der Stadt lenken: Die scheidende Oberbürgermeisterin Reker hat Handwerkergene – ihr Vater war Koch- und Konditormeister.