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Waren und RohstoffeWie der niedrige Rheinpegel die Industrie in Köln und dem Rheinland trifft

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28.02.2023, Köln: Der Godorfer Hafen. Luftaufnahme mit Drohne. Foto: Uwe Weiser

Im Godorfer Hafen kommen Rohstoffe für die Chemieindustrie an.

Ursachen für die niedrigen Wasserstände waren ungewöhnlich geringe Niederschläge in den vergangenen Wochen.

Die niedrigen Wasserstände des Rheins sorgen derzeit vor allem am Ober- und Mittelrhein für Einschränkungen in der Binnenschifffahrt. „Die Schiffe können teilweise nicht voll beladen fahren“, erklärt Matthias Roeser vom Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB). Wie groß die Einschränkung sei, hänge von der jeweiligen Fracht ab. „Bei Kunststoffgranulaten aus der Chemieindustrie oder Rotorblättern für Windkraftanlagen wird die Gewichtsgrenze zum Beispiel nicht so schnell erreicht wie bei Kohle oder Baustoffen.“

Pegel in Köln am Dienstag bei 1,76 Metern

Ursachen für die niedrigen Wasserstände seien ungewöhnlich geringe Niederschläge in den vergangenen Wochen. „Und wohl auch weniger Schneeschmelzwasser aus den Alpen als sonst üblich“, so der Experte. Auch in Köln ist der Pegel zuletzt deutlich gesunken. Am Dienstagnachmittag lag er bei 1,76 Meter. Zwar ist der aktuelle Wasserstand nicht besorgniserregend niedrig - und doch führt er zu Einschränkungen in der Region. Etwa dazu, „dass Schiffe nur mit geringerem Tiefgang fahren und daher weniger Ladung führen können“, sagt Maximilian Laufer, Sprecher von Currenta, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Das Unternehmen ist Betreiber des Leverkusener Chemparks und als solcher auch Logistikdienstleister der ansässigen Industrie. „Deshalb ist es notwendig, entsprechend mehr Schiffe abzufertigen, um dieselbe Menge Ladung wie bei Normalpegel umschlagen zu können.“ Es wird also voller auf dem Rhein. „Die Be- und Entladevorgänge an unseren Häfen nehmen deshalb zu. Das ist eine Herausforderung für unsere Logistiker.“ Zudem könnten Lieferungen auch auf Schiene und Straße umgelagert werden, sagt Laufer. „Die Unternehmen im Chempark kennen diese Situation und sind entsprechend darauf vorbereitet.“ Mark Mätschke, Sprecher von Lanxess, einem der größten Arbeitgeber am Standort, bestätigt das: „Die Versorgung von Lanxess ist derzeit sichergestellt.“

Die Auswirkungen des gesunkenen Pegels auf die Industrieproduktion zeigt das Beispiel eines Binnenschiffs aus Heilbronn, das in dieser Woche im Godorfer Hafen erwartet wird. 1800 Tonnen Steinsalz bringt es üblicherweise. Die Chemie-Unternehmen in der Region sind darauf angewiesen. Bei Westlake Vinnolit im Chemiepark Hürth-Knapsack wird es beispielsweise in der Chlorelektrolyse eingesetzt. Das dabei gewonnene Chlor wird benötigt, um PVC herzustellen. Aktuell können aber nur 1200 Tonnen geladen werden. Also werden mehr Schiffe auf die Reise geschickt. Müssten 1800 Tonnen per Lkw transportiert werden, wären 45 40-Tonner nötig.

Nadelöhr ist der Pegel Kaub

Bei Niedrigwasser gibt keine gesetzliche Marke zur Einstellung der Schifffahrt. So liegt die alleinige Verantwortung für die Transporte bei den Schiffsführern. Christian Lorenz, Sprecher der Hafen- und Güterverkehr Köln (HGK) und des Hafenbetreibers Rheincargo, vergleicht die Lage mit jener von Autofahrern, die bei Schneefall selbst einschätzen müssen, ob sie unfallfrei ans Ziel kommen können.

Während der Rhein bei Köln eine tiefere Fahrrinne aufweist, ist er weiter südlich flacher. „Im Süden ist das Nadelöhr immer der Pegel Kaub“, sagt Rheincargo-Sprecher Lorenz. Fällt er unter 78 Zentimeter, wird die Schifffahrt massiv eingeschränkt. Am Dienstagnachmittag lag er bei 105 Zentimetern.

„Es sieht nicht nach Regen aus für die nächsten Tage“, sagt Florian Krekel vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein, das für den 370 Kilometer langen Flussabschnitt zwischen Mainz und der deutsch-niederländischen Grenze verantwortlich ist. „Das bedeutet, dass das Wasser weiter fallen wird.“ Die neueste 14-Tage-Vorhersage des Kölner Pegels sieht den Rhein in zwei Wochen bei wahrscheinlich 139 Zentimetern. „Die kommenden zwei bis drei Wochen werden voraussichtlich kritisch, danach ist ein Anstieg in Sicht“, sagt Roeser vom BDB.

Der historisch niedrigste Pegel wurde im Oktober 2018 in Köln gemessen. Nur 67 Zentimeter betrug er damals. Die Fähre zwischen Köln-Langel und Leverkusen-Hitdorf fuhr nicht mehr, Autowracks, alte Fahrräder und weiterer Müll wurden freigelegt. Und Binnenschiffe, die üblicherweise mit 2200 Tonnen beladen wurden, führten nur 300 Tonnen. „Niedrigwasser ist fast schlimmer als Hochwasser“, sagte ein Schiffslotse damals dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Weil die Schiffe über Wochen nur gering beladen auf dem Rhein fuhren, kam es zu Engpässen bei Treibstoffen. Die Bundesregierung erlaubte dem Regierungsbezirk Köln damals, auf die für ebendiesen Zweck gebildeten Reserven zurückzugreifen. Diesel-, Benzin- und Flugzeugtreibstoff-Vorräte durften angezapft werden.

2003 hatte es mit 81 Zentimetern einen ähnlich niedrigen Wasserstand gegeben. Damals hatte das Niedrigwasser zur Havarie eines Ausflugsschiffs geführt, bei der 41 Menschen verletzt wurden. Bei Godorf lief ein mit 390 Tonnen Öl beladener Tanker auf Grund. (mit dpa)