Zecken sind mittlerweile ganzjährig aktiv, selbst im Winter. Was Fachleute für die diesjährige Zeckensaison erwarten.
FSME-VirusSo schlimm könnte die Zeckensaison im Jahr 2025 werden
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Größenvergleich: Eine Wiesenzecke, gefangen von Wissenschaftlerinnen der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, neben einer Ein-Cent-Münze. (Archivbild)
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Die Zeckensaison hat begonnen. Das zeigt das kleine Plastikröhrchen, das Gerhard Dobler am Dienstag bei einer Zoomschalte mit Medienvertreterinnen und Medienvertretern vor die Kamera hält. Darin sind jede Menge klitzekleine Zecken. Sie stammen aus einem FSME-Risikogebiet, also einem Gebiet, in dem die von Zecken übertragene Krankheit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) verbreitet ist.
„Ich war selbst überrascht“, sagte der Leiter des Nationalen Konsiliarlabors FSME am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München über seine Ausbeute vom vergangenen Wochenende.
Zeckensaison hat begonnen: Dank milderer Winter können mehr Zecken überleben
Schon seit einiger Zeit beobachten Fachleute wie Dobler, dass Zecken auch im Winter aktiv sind. Das liegt am Klimawandel: Er sorgt dafür, dass die Winter milder ausfallen. Mehr Zecken können folglich überleben – und sind dann auch schon früh im Jahr wieder aktiv.
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Auch dieses Jahr ist es so: Es gibt bereits jetzt erste FSME-Fälle bei Menschen – unter anderem in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen. „Bis zum Ausbruch der Erkrankung vergehen etwa drei Wochen. Die Infektionen müssen also mitten im Winter stattgefunden haben“, sagte Dobler. Sticht eine mit dem FSME-Virus infizierte Zecke einen Menschen, kann das schlimmstenfalls zu einer Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute führen.
Im vergangenen Jahr war die Zeckensaison besonders ausgeprägt. Nicht, weil es ungewöhnlich viele Zecken gab, sondern FSME-Infektionen. 773 FSME-Fälle hat das Robert Koch-Institut (RKI) registriert. Das sind so viele Fälle wie schon seit 20 Jahren nicht mehr.
Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein, meint Dobler. Schließlich umfassen die Daten des RKI nur Fälle, in denen an FSME-Erkrankte zu einem Arzt beziehungsweise zu einer Ärztin gegangen sind. Der FSME-Experte vermutet, dass die RKI-Zahlen gerade einmal zehn Prozent der tatsächlichen jährlichen Erkrankungen widerspiegeln.
FSME: Experten sehen bei Frühsommer-Meningoenzephalitis-Erkrankungen einen ansteigenden Trend
Prognosen für die diesjährige Zeckensaison sind noch nicht möglich. In vergangenen Jahren folgten die Zahlen einem gewissen Zyklus: Bis ungefähr 2017 gab es alle drei Jahre eine Saison mit erhöhten FSME-Fällen, seitdem sind es alle zwei Jahre. Woran das liegt, dafür haben Fachleute bisher keine Erklärung.
„Wenn wir sagen, das wäre der neue Verlauf, dann würde man für 2025 eher davon ausgehen, dass wir weniger FSME-Fälle haben werden als in 2024", sagte Ute Mackenstedt, Parasitologin von der Universität Hohenheim, bei der Zoomschalte. „Allerdings sehen wir über die Jahre hinweg, trotz dieser Schwankungen zwischen den Jahren, dass die Anzahl der FSME-Fälle langsam steigt. Wir sehen einen ansteigenden Trend.“
Dass FSME in Deutschland mittlerweile weit verbreitet ist, zeigen auch die Karten zu den Risikogebieten, die das RKI regelmäßig erstellt. Demnach gibt es gerade im Süden Deutschlands viele FSME-Risikogebiete, genauso wie im Osten.
FSME-Experte Dobler sind diese Karten ein Dorn im Auge; denn sie würden nicht die Realität abbilden. Dass es zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern kein einziges Risikogebiet gibt, bedeute nicht, dass FSME dort nicht vorkommt. Längst werden auch in Landkreisen, die nach Definition des RKI nicht als Risikogebiete gelten, Fälle gemeldet.
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Ein Schild warnt in einem Wald vor Zecken. Vorsicht vor Zeckenstichen ist nach Angaben des Landesgesundheitamtes Niedersachsen im ganzen Land geboten.
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„Wir müssen leider sagen, dass FSME in ganz Deutschland vorkommt“, machte Dobler deutlich. Die Karten würden eine falsche Sicherheit suggerieren. Deshalb spricht er sich dafür aus, ganz Deutschland als Risikogebiet zu bezeichnen. Bisherige Risikogebiete könnten künftig als Hochrisikogebiete herausgestellt werden.
Fachleute beobachten zudem eine Ost-West-Wanderung bei den FSME-Fällen. „Es gibt immer wieder neue FSME-Stämme, die aus Osteuropa Richtung Westen ziehen“, sagte Mackenstedt. Ein Stamm aus Polen etwa sei zunächst in Sachsen-Anhalt und später in Niedersachsen und nun auch in den Niederlanden nachgewiesen worden. Auch in Belgien seien zuletzt erste FSME-Fälle gemeldet worden, berichtete Dobler. Folglich könnte sich FSME auch in Deutschland weiter verbreiten: „Wir werden vermutlich in 20 Jahren diese Situation, die wir jetzt in Süd- und Ostdeutschland haben, auch in Westdeutschland sehen.“
Da das Infektionsrisiko in ganz Deutschland vorhanden ist, kann eine Impfung auch für Menschen außerhalb der offiziell ausgewiesenen Risikogebiete sinnvoll sein“
Eine Impfung gegen FSME ist aus Sicht des Experten deshalb wichtiger denn je. „Da das Infektionsrisiko in ganz Deutschland vorhanden ist, kann eine Impfung auch für Menschen außerhalb der offiziell ausgewiesenen Risikogebiete sinnvoll sein“, sagte er. „Und auch bei einer Urlaubsreise in die benachbarten Länder bietet die Impfung einen zuverlässigen Schutz.“
Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt eine FSME-Impfung bisher nur für Menschen, die in Risikogebieten leben oder die ein hohes Infektionsrisiko haben (zum Beispiel Forstarbeitende oder Landwirte). Für die Grundimmunisierung sind drei Impfungen erforderlich. Um zu Beginn der Zeckensaison im Frühjahr geschützt zu sein, rät die Stiko, in den Wintermonaten mit der Impfserie zu beginnen. Weitere Infos zur FSME-Impfung finden Sie zum Beispiel auf der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
Allerdings ist die Impfquote in Deutschland bisher sehr gering. Bundesweit lag sie im Jahr 2020 bei etwa 19 Prozent. Nach Angaben des RKI fehlte allein bei 99 Prozent der FSME-Betroffenen im Jahr 2023 ein ausreichender Impfschutz.
Um sich vor Zeckenstichen zu schützen, hilft nicht nur eine Impfung. Auch sollte man seine Kleidung und seinen Körper sorgfältig absuchen, nachdem man sich im Freien aufgehalten hat. Denn je schneller man eine Zecke findet und entfernt, desto besser. Geschlossene Kleidung wie lange Hosen und Ärmel, Strümpfe und feste Schuhe bieten ebenfalls Schutz. Zusätzlich helfen zeckenabweisende Mittel auf unbedeckten Hautstellen und Kleidung.
FSME-Virus: In Zukunft könnten weitere Zeckenarten dazukommen
Als Hauptüberträger des FSME-Virus gilt in Deutschland der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus). FMSE-positive Zecken seien jedoch nicht flächenmäßig hierzulande verbreitet, sondern es gebe „kleine Hotspots“ beziehungsweise „Naturherde“, in denen sie vorkommen, merkte Mackenstedt an.
In Zukunft könnten noch weitere Zeckenarten hinzukommen. Parasitologin Mackenstedt geht davon aus, dass zum Beispiel Rhipicephalus-Arten wie die Braune Hundezecke vom Mittelmeerraum nach Mitteleuropa kommen werden – vorwiegend über Hunde. Für das FSME-Risiko würde diese Zeckenart zwar keine Rolle spielen, es könnten jedoch Populationen im Freien entstehen. „Das wäre eine Zeckenart, von der wir ausgehen, dass wir sie über kurz oder lang in Deutschland finden werden“, so die Expertin.