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Viel Glitzer und PowerSo feiern die weiblichen Tollitäten im Kreis Euskirchen Karneval

Lesezeit 9 Minuten
Das Bild zeigt die Tollitäten im Ornat. Prinzessin Anna hat eine Pfanne mit gebratenen Eiern in der Hand.

Das Dreigestirn in Dom-Esch ist eins von vielen mit weiblichen Tollitäten im Kreis Euskirchen. Jungfrau Angelina Segler, Prinzessin Anna Weißweiler und Bauer Jacob (Jacqueline Declair) haben auch Eier gebacken.

Die Jecken im Kreis Euskirchen werden in diesem Jahr von besonders vielen Frauen regiert. In Dom-Esch gibt es einen „Bombenentschärfer“.

Diese Session hat mehr Glitzer, mehr Strass, mehr Frauen-Power. Ein kleiner Beweis: In Euskirchen gibt es zwölf erwachsene Tollitäten – elf davon sind Frauen. Der Hahn im Korb ist Prinz Jens I. (Pesch) in der Kreisstadt.

Immer noch nicht überzeugt? In Zülpich werden die Jecken von Prinz Basti I. (Schumacher) regiert – eine Ausnahme. Rund um die Römerstadt haben nämlich die Frauen das Sagen. In Ülpenich regieren Prinz Melli I. und Prinzessin Leonie – ein Mutter-Tochter-Gespann –, in Mülheim-Wichterich hat Helena Deschner das Zepter in der Hand – sie wird von ihrem Mann Marco als Jungfrau Marcella und Bauer Walter (Trimborn) unterstützt. Und in Geich ist mit Prinzessin Antje I. (Leonhardt) und Prinzessin Celine I. ebenfalls ein Mutter-Tochter-Tollitäten-Duo unterwegs.

In Sieberath haben mit Prinzessin Leah I. (Abel), Bauer Miri (Miriam Mertens) und Jungfrau Elena (Dederichs) drei junge Frauen das Zepter der Narrenmacht übernommen – in der Eifel in dieser Session ebenfalls keine Ausnahme.

In Sieberath setzt das Dreigestirn auf blaue Chucks und viel Strass

Im kleinen Sieberath in der Gemeinde Hellenthal regieren also Prinzessin Leah I., Bauer Miri und Jungfrau Elena. Das Dreigestirn der KG Blau-Gelb ist Lebensfreude pur – mit ziemlich viel Strass. Allein die 25 Jahre alte Prinzessin Leah I. hat nach eigenen Angaben mehr als 3500 Strasssteine an ihrem Ornat kleben. Auch bei Jungfrau Elena (23) funkeln 3500 Strasssteine am Kleid. „Das waren ein paar Stündchen Arbeit“, so Leah.

Und noch etwas fällt auf: die Schuhe. „Wir wollten keine unbequemen Prinzenschuhe, weil wir genau wussten, dass wir bis morgens früh an der Theke stehen werden oder die Tanzfläche rocken. Dafür braucht es etwas Bequemes“, erklärt die Prinzessin mit Blick auf die blauen Chucks, die die drei Tollitäten in dieser Session tragen.

Das Bild zeigt das Sieberather Dreigestirn bei seiner Proklamation.

Mit Prinzessin Leah, Bauer Miri und Jungfrau Elena ziehen die Jecken von Blau-Gelb Sieberath durch die Session.

Doch wie ist das in der Eifel, wenn drei junge Frauen gerne an der Spitze der KG stehen möchten? „Gut“, sagt Bauer Miri. Mit all ihren Vorstellungen seien sie aber keine offenen Türen eingerannt. „Wir haben schon ziemlich oft zu hören bekommen, dass wir das noch nie hatten und dementsprechend auch nicht brauchen“, sagt Prinzessin Leah. Als künftige Tollitäten habe man zunächst häufig zu groß gedacht, gibt Miri zu. „Wir wollten eigentlich ein Zelt haben und nicht im Saal mit 250 Leuten feiern“, berichtet sie.

Dafür hat die KG den drei Jecken einen anderen Wunsch erfüllt: Es gibt erstmals in der Geschichte der Gesellschaft einen Elferrat. Der vom Trifolium ausgesuchte Freundesreigen kommt mittlerweile bei den Vereinsvorsitzenden ziemlich gut an. „Nach den ersten Veranstaltungen haben alle gemerkt, dass wir richtig Bock und Power im Arsch haben. Seitdem blühen auch die Oldies noch mal richtig auf“, so die 25-jährige Miri.

Junges Dreigestirn fühlt sich manchmal wie Töchter

„Manchmal fühlen wir uns wie die Töchter“, sagt Prinzessin Leah I. und wirft dabei einen Blick auf das Dreiborner Dreigestirn um Prinz Marco I. (Mertens), Bauer Horst (Welter) und Jungfrau Steffi (Stefan Hilgers). „Wir haben nie das Gefühl, dass wir nicht dazu gehören. Im Gegenteil.“ Das Sieberather Dreigestirn kennt sich schon seit vielen Jahren, tanzt gemeinsam in der Garde – wenn man nicht gerade gemeinsam das Trifolium bildet. Leah, Miri und Elena kennen sich also, wissen wie jede Einzelne tickt.

„Wir sind nun mal drei Frauen. Dann wäre es ja auch langweilig, wenn es keine Zickereien geben würde“, sagt Bauer Miri und lacht danach herzhaft. Ein Stimmungskiller sei eine kleine Meinungsverschiedenheit noch nie gewesen. Doch worüber diskutiert man im Eifeler Dreigestirn am liebsten? „Über Abfahrtzeiten und wann jede Einzelne fertig sein muss“, sagt Bauer Miri und verrät dann auch, wer im Trifolium die meiste Zeit für die Vorbereitung benötigt: Jungfrau Elena. „Sie ist ja auch die Schönste“, ergänzt Leah I..

Schevener Dreigstirn erhält viel Lob im Kölner Gürzenich

Wer jetzt aber denkt, dass die Blau-Gelben vor allem auf der Tanzfläche zu finden sind, hat sich getäuscht. „Wir stehen auch schon mal gerne an der Theke“, so Bauer Miri, die dann aber doch einen Unterschied zu ihren männlichen Tollitätenkollegen ausgemacht hat: „Wir Frauen schaffen es eher, die Geschlechter zusammenzubringen. Da tun sich die Männer ohne Alkohol schon mal etwas schwerer. Wir sind einfach etwas offener.“

Auch die Schevener Jecken werden in dieser Session von drei jungen Frauen regiert. Prinzessin Sally Müsch, Jungfrau Denise Schreiber und Bauer Nathalie Bouderath stehen an der Spitze der Karnevalsgesellschaft „Die Jecke vom Hahneböhmsche“. „Die Session macht noch viel mehr Spaß, als wir es uns in den schönsten Träumen vorstellt haben“, sagt Jungfrau Denise. Man sei in der Gemeinde Kall zu einem verschworenen Tollitäten-Haufen zusammengewachsen.

Das Bild zeigt das Schevener Dreigestirn beim Tollitätenempfang im Kreishaus.

Prinzessin Sally Müsch, Jungfrau Denise Schreiber und Bauer Nathalie Bouderath stehen an der Spitze der Karnevalsgesellschaft „Die Jecke vom Hahneböhmsche“.

Das Bild zeigt die weiblichen Tollitäten in dieser Session vor dem Kreishaus.

Suchbild mit zwei Männern: Auf dem fast rein weiblichen Tollitätenempfang-Foto am Kreishaus haben sich Landrat Markus Ramers und sein Allgemeiner Vertreter Achim Blindert unter die jecken Wiever gemischt.

Vor der Session habe man sich kaum bis gar nicht gekannt. Nun werde wild zusammengefeiert – das Leben, die Zeit und der Karneval. Aber feiern Frauen und Männer anders? „Wir Frauen kommen vielleicht ein bisschen schneller aus der Hüfte. Wir feiern mehr, wir tanzen mehr. Wir stehen nicht nur an der Theke, sondern wir sind mittendrin“, sagt Schevens Bauer Nathalie, die sich vor allem schon auf Veilchendienstag freut. Aber nicht, weil einen Tag später alles vorbei ist, sondern weil an dem Tag in Scheven der Zoch kütt.

Die Jungfrau hat am Rosenmontag Geburtstag

Wie fit das Dreigestirn dann aber ist, bliebt abzuwarten. Der Grund: Jungfrau Denise hat Rosenmontag Geburtstag. Die noch 26-Jährige leitet in Euskirchen eine Kita und war auch schon im Ort bei der Arbeit. Vor allem die Mädchen bekamen da ziemlich große Augen, berichtet die Tollität. Denn irgendwie sieht die Schevener Jungfrau in ihrem blau-weißen Kleid und blonden Haaren ein wenig wie Eiskönigin Elsa aus.

Wir sind immer wieder darauf angesprochen worden, wie toll das wäre, dass man in der Eifel so fortschrittlich sei und es Frauen-Dreigestirne gebe.
Sally Müsch, Prinzessin in Scheven

Neben dem Heimspiel an Veilchendienstag, das noch bevorsteht, hat das Schevener Dreigestirn einen Höhepunkt schon hinter sich gebracht: eine Sitzung im Kölner Gürzenich. Und da sorgten die jungen Eifelerinnen vor allem bei den Frauen für Gesprächsstoff. „Wir sind immer wieder darauf angesprochen worden, wie toll das wäre, dass man in der Eifel so fortschrittlich sei und es Frauen-Dreigestirne gebe“, sagt Prinzessin Sally.

135 Jahre alt ist die KG Gemütlichkeit aus Dom-Esch. In dieser Session sind die Jecke in dem Euskirchener Ortsteil in einen Jungbrunnen gefallen. Prinzessin Anna I. (Weißweiler), Bauer Jacob (Jacqueline Declair) und Jungfrau Angelina (Segler) sind das erste weibliche Dreigestirn in der Geschichte der KG und halten den Ort ganz schön auf Trab. „Wir Frauen haben einfach viel mehr Power und Spaß als die Männer, die ich damit auf keinen Fall diskriminieren will“, sagt Prinzessin Anna I..

Weibliches Dreigestirn ist in Dom-Esch eine Premiere

Dicke Bretter beim Vorstand habe man nicht bohren müssen. Dafür werde das Motto, das sich der Verein vor drei Jahren selbst auferlegt hat, viel zu sehr mit Leben gefüllt. In Dom-Esch heißt es seitdem: „Alte Traditionen, neue Wege.“

Natürlich glitzert und glänzt es auch bei den dreien überall am Ornat und am Wegesrand. Sogar der Dreschflegel von Bauer Jacob ist mit pinken Strasssteinen übersäht. Wenn sich die Tollitäten dann doch mal leicht – wenn überhaupt – auf die Nerven gehen, dann gibt es da den Adjutanten. Den nennt das Trifolium liebevoll „Bombenentschärfer“.

Oft einschreiten musste der aber noch nicht. Obwohl seit der Proklamation schon mehr als 30 Termine auf dem Programm standen – unter anderem auch das gemeinsame Eierbacken nach dem Tollitätenempfang in der Dom-Escher Festhalle und der großen Prunksitzung. „Ich hoffe, dass wir als erstes Dreigestirn in Dom-Esch die Tür für viele weitere geöffnet haben“, sagt Prinzessin Anna I..

Metternicher Tollitäten sind in dieser Session eine Familiensache

Familiensache in Metternich Und dann ist da noch Metternich. Auch dort hat der jecke Familienklüngel die Regentschaft übernommen. Für Heike Vorndran war es nämlich schon seit langer Zeit ein großer Traum, einmal Teil eines närrischen Dreigestirns zu sein. Als dann vor rund zwei Jahren auch noch ihre Töchter mit einem ähnlichen Wunsch an sie herantraten, war allen dreien schnell klar: „Lasst uns das gemeinsam machen.“ Schon in den 1960er-Jahren legten Heike Vorndrans Eltern, die erst kurz zuvor aus dem Ruhrpott ins Rheinland gezogen waren, als Prinzenpaar den Grundstein für den karnevalistischen Werdegang der Familie.

„Mein Mann und meine Brüder sind in der Session 1995/1996 in ihre Fußstapfen getreten, und jetzt bin ich selbst endlich an der Reihe – und dann auch noch mit meinen Töchtern.“ Ebenso schnell wie der Entschluss, das Metternicher Dreigestirn gemeinsam zu stellen, sei auch die Rollenverteilung ausgefallen, berichtete Melli Mertens. „Wir alle drei hatten schon unsere eigenen Vorstellungen und das hat dann auch direkt perfekt gepasst.“ An der Seite von Prinzessin Maja I. (Hemmersbach) und Bäuerin Heike I. steht sie im Amt der Jungfrau Melli I. ihrem närrischen Volke vor.

Das Bild zeigt das Metternicher Dreigestirn.

Mutter und Töchter freuen sich, gemeinsam als Prinzessin Maja I., Bäuerin Heike I. und Jungfrau Melli I. die närrische Regentschaft anzutreten.

Das Bild zeigt die Südstadtregentin, die einen Luftkuss in Richtung Kamera schmeißt.

Südstadtregentin Franzi I. (Deutsch) hat den ersten Zug in dieser Session bereits hinter sich. Jetzt freut sie sich aufs Heimspiel am Samstag in Euskirchen.

Trotz dieser Einigkeit begann ihre Reise als Tollität mit einem Schrecken. Zum Ende der vergangenen Session wurden sie unter lautstarkem Jubel als designiertes Dreigestirn vorgestellt, doch noch am selben Abend erreichte sie eine Hiobsbotschaft. Zwei junge Männer wurden nach der Sitzung auf ihrer Wanderung nach Hause von einem Auto erfasst und kamen ums Leben.

An ausgelassene Karnevalsstimmung war daher lange Zeit nicht zu denken. „Das Leben hält manchmal leider solche Schicksalsschläge bereit“, so Vorndran: „Diese müssen wir gemeinsam verarbeiten, um dann auch wieder gemeinsam nach vorn blicken und das Leben genießen zu können.“

Die Euskirchener Südstadt wird von Franzi I. regiert

Das Leben in vollen Zügen genießt Südstadtregentin Franzi I. (Deutsch). Das Oeskerchene Mädche sammelte schon als Fünfjährige erste Karnevalserfahrungen. „Der Virus, den ich mir damals eingefangen habe, ist immer noch da und aktiv“, sagt die Tollität, die zwar als Einzelkämpferin unterwegs ist, aber von einem jecken Gefolge begleitet wird. Den ersten Zug hat Franzi I. bereits hinter sich. Sie bildetet den jecken Schlusspunkt beim Zoch in Kreuzweingarten-Rheder. Und am Samstag steht dann für sie der absolute Höhepunkt auf dem Programm: der Südstadtzug ab 15.11 Uhr.


200 Orden an die Tollitäten verteilt

Wie viele weibliche Tollitäten im Kreis die Jecken regieren, wurde beim Tollitätenempfang im Kreishaus deutlich. Allein 40 erwachsene, weibliche Tollitäten sind in erster Reihe dabei. Nach Angaben des Kreises kamen beim karnevalistischen Stelldichein in der Kreisverwaltung 6812 Euro für den Förderverein des Berufsbildungszentrums zusammen.

Sechs Stunden wurde im „Beamtenbunker“ geschunkelt. Und so ganz nebenbei brachten Landrat Markus Ramers und sein Allgemeiner Vertreter Achim Blindert 200 Orden unters närrische Volk. Die waren von Mitarbeitenden der Nordeifelwerkstätten gefertigt worden. Ramers und Blindert hatten am Ende mehr als 50 Orden umhängen. Zudem gingen 500 Brötchen und 100 Berliner weg.