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Doku von Kölner RegisseurinMit Hildegard Knef das Krisenmeistern lernen

Lesezeit 5 Minuten
Die junge Hildegard Knef spaziert rauchend über eine winterliche Straße.

Die Doku „Ich will alles – Hildegard Knef“ läuft jetzt in den Kinos

Die Knef wäre dieses Jahr 100 geworden. Jetzt kommt Luzia Schmids Doku „Ich will alles – Hildegard Knef“ dem Star so nah wie noch nie.

„Wenn du Fehler machst“, schreibt Hildegard Knef an ihre Tochter, „mach große, fette.“ Es ist die tote Mitte der 1970er, die Tochter Christina, genannt Tinta, ist noch ein Kind. Ihre Mutter ist an Krebs erkrankt, muss 56 Operationen über sich ergehen lassen und hat zur gleichen Zeit das verkrachte Ende ihrer Ehe mit Tintas Vater, David Cameron, erreicht. Glück, teilt die Mutter der Tochter mit, sei nur ein Hirngespinst. Etwas, was man darstellt für die Illustrierten mit ihren Home-Storys.

Die Knef hatte ihre fettesten Fehler zu jener Zeit schon hinter sich, hatte sich aus jedem Karrieretief an den eigenen Haaren herausgezogen, wiedergeboren mit neuen, ungeahnten Fähigkeiten. Am 28. Dezember dieses Jahres wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Jetzt ist Luzia Schmids Dokumentarfilm „Ich will alles – Hildegard Knef“ in den deutschen Kinos angelaufen, eine wunderbare Gelegenheit, eine alte Liebe wieder aufzufrischen. Oder, wer weiß, Deutschlands interessantesten und am häufigsten missverstandenen Star seit Marlene Dietrich überhaupt erst einmal kennenzulernen. Und zwar so, wie sie sich selbst sah und wie sie ihre Zeitgenossen erlebten.

Hildegard Knef ist Deutschlands interessantester und am häufigsten missverstandener Star

Dabei konzentriert sich die in Köln lebende deutsch-schweizerische Regisseurin ganz auf die Stimme ihres Subjekts, erlaubt sich nur zwei sprechende Köpfe, die bereits erwähnte Tochter und den dritten Ehemann Paul von Schell. Stützt sich aber vor allem auf die in Konzerten oder Fernsehshows vorgetragenen Lieder, deren Texte, so die Knef, sämtlich „hemmungslos, unverschämt autobiografisch“ seien: „Ich kann nur über das schreiben, was ich empfinde.“ Und auf Talkshow-Interviews, übrigens durchweg von Männern geführt, in denen der Knef aus heutiger Sicht unfassbar indiskrete   Fragen gestellt werden.

Sie lasse sich auswringen, beklagt die Vielbefragte, pariert jedoch selbst bohrendste Fragen – nach Krankheit, Ehekrisen, Schönheitsoperationen – mit einer entwaffnenden Offenheit, die ein halbes Jahrhundert danach, wo jedermensch auf Instagram sein bestes Leben vortäuscht, kaum weniger undenkbar erscheint. Doch, sie habe einmal an Suizid gedacht, antwortet sie einem ihrer taktlosen Peiniger, aber den Gedanken sofort wieder verworfen, er sei doch eine unheimliche Anmaßung: „Ich glaube, das Leben schuldet uns nichts als das Leben, und alles andere haben wir zu tun.“ Das sind Momente, in dem einem bewusst wird, dass es in Luzia Schmids Film weniger darum geht, etwas über die Knef, als etwas von ihr zu lernen. Zum Beispiel das Weitermachen, allen Nackenschlägen zum Trotz: „Es ist nun mal ein unordentliches Leben“, seufzt die Knef und meint damit nicht nur das eigene.

Ich glaube, das Leben schuldet uns nichts als das Leben, und alles andere haben wir zu tun.
Hildegard Knef

Nur als der britische Moderator David Frost, bekannt für sein konfrontatives Gespräch mit Richard Nixon zur Watergate-Affäre, sie rundheraus fragt, ob sie eine Mörderin sei, ob sie vielleicht in den letzten Tagen des Krieges getötet habe – die 19-Jährige hatte sich als Wehrmachtssoldat verkleidet und zusammen mit ihrem Nazi-Liebhaber Ewald von Demandowsky den Berliner Bezirk Schmargendorf gegen die Alliierten verteidigt –, versagt es Hildegard Knef kurz die Sprache. Sie hatte, bekennt sie kurz darauf gegenüber einem anderen Journalisten, den Gedanken schlicht verdrängt.

Außerdem sind da noch die von Nina Kunzendorf vorgetragene Passagen aus Knefs Büchern, auch sie allesamt autobiografisch, ja bekenntniswütig, aber von einer literarischen Qualität, die weit über die üblichen anekdotensatten Schauspieler-Memoiren hinausgehen. So erfahren wir, in ihren eigenen Worten, wie die junge „Uneitle, deren Eitelkeit es war, die Beste zu werden“ mitten im Krieg die Babelsberger Schauspielschule besucht, wie sie mit der Hauptrolle als KZ-Überlebende im ersten deutschen Nachkriegsspielfilm „Die Mörder sind unter uns“ zum „Trümmerfilmmädchen“ wird, wie der Ehrgeiz sie weitertreibt, nach Hollywood, wo sie der „Vom Winde verweht“-Produzent David O. Selznick unter Vertrag nimmt, nur um sie anschließend kaltzustellen.

Hildegard Knef in den 1970er Jahren mit rotem Stoffmantel und großer Sonnenbrille.

Eine Szene aus dem Film „Ich will alles – Hildegard Knef“

Wie sie nach drei verlorenen Jahren nach Deutschland zurückkehrt, sich von Willi Forst für dessen „artig melodramatischen Film“ „Die Sünderin“ engagieren lässt und mit einer sekundenlangen Nacktszene den größtmöglichen Skandal auslöst. Im Kölner Dom predigt Kardinal Frings gegen das sündige Machwerk und ruft seine Gemeinde zur Selbstjustiz auf. Sie hatte das Wirtschaftswunder und die mit ihm einsetzende „auf Keuschheit bedachte Betulichkeit“ unterschätzt, resümiert Knef. „Der Skandal machte den Produzenten reich und mich lächerlich.“

Sie flieht wieder nach Amerika, dreht für die 20th Century Fox und wird mit der Hauptrolle im Musical „Silk Stockings“ zum Broadway-Star „Hildegard Neff“. Dabei hatte sie zuerst gegenüber dem Komponisten Cole Porter protestiert, sie könne doch gar nicht singen. Ella Fitzgerald lobte sie als „beste Sängerin ohne Stimme“. Später, als die Filmerfolge ausbleiben, eröffnet dieser kehlige Schnoddergesang ihr einen zweiten Karriereweg, mehr als das, in ihren Liedern findet sie ihren wahrhaftigsten Ausdruck, nicht nur, wenn rote Rosen regnen, auch im lakonischen „Von nun an ging's bergab“ oder im verzweifelt-hoffnungsfrohen „Insel meiner Angst“ von ihrem (auch in der Doku) zu wenig beachteten Meisterwerk „Knef“ von 1970.

Im selben Jahr erschien ihr erstes Buch „Der geschenkte Gaul“, ein Welterfolg, in dem sie die Geschichte ihrer Generation anhand des eigenen Beispiels erzählt. Aber sie ist, das macht Luzia Schmids Film deutlich, eine untypische Vertreterin, couragierter, sensibler und tougher. Ein Vorbild der Resilienz.


„Ich will alles – Hildegard Knef“ läuft im Kino. Die Vorstellung am 6. April, 17.30 Uhr im Filmhaus Köln findet in Anwesenheit der Regisseurin statt.