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HandballAndreas Thiel erklärt seinen Rücktritt – Bayer 04 Leverkusen steht vor Erstliga-Aus

Lesezeit 5 Minuten
27.11.2022, Handball-Bayer Leverkusen - Waiblingen

Andreas Thiel (Leverk)

Foto: Uli Herhaus

Andreas Thiel (r.) arbeitete seit 2011 als Abteilungsleiter für die Handballerinnen von Bayer 04 Leverkusen.

Der Abteilungsleiter erklärt seine Entscheidung mit den Perspektiven des Klubs – das Team ist verunsichert.

Es handelt sich um eine Personalie mit Signalwirkung: Andreas Thiel hat am Montag mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt als Abteilungsleiter der Handballerinnen von Bayer 04 Leverkusen erklärt. Der ehemalige Weltklasse-Keeper, der in den vergangenen Jahren auch als Torwarttrainer und Interimscoach bei den Elfen aushalf, arbeitete seit 2011 beim ehemaligen Champion als Abteilungsleiter.

Ausschlaggebend für den Entschluss des 64-Jährigen sei die Zukunft des Klubs gewesen, der wohl in der kommenden Saison nach 50 Jahren ununterbrochener Erstligazugehörigkeit nicht mehr in der höchsten deutschen Spielklasse an den Start gehen wird. Unabhängig davon, ob das Team von Trainer Michael Biegler den Abstiegskampf sportlich erfolgreich bewältigt.

Bei Bayer 04 Leverkusen reicht es nicht mehr für einen Erstliga-Etat

Andere Rückschlüsse lassen sich aus der am Dienstag versandten offiziellen Mitteilung nicht ziehen. „Hintergrund ist die Perspektive des Frauen-Handballs in Leverkusen, der vor deutlichen Veränderungen steht, weil die finanziellen Mittel der Handball-Abteilung ab der kommenden Saison nicht mehr für einen Bundesliga-Etat reichen“, heißt es in dem Kommuniqué, bevor Thiel seinen Entschluss weiter erläutert: „Dass wir mit unserem Team in der 1. Bundesliga vor einer äußerst komplexen Herausforderung stehen würden, war allen schon zu Saisonbeginn klar. Dennoch hatte ich immer die Hoffnung, dass es mit dem Bundesliga-Handball in Leverkusen weitergeht.“

Da seit Beginn der Woche offenbar feststeht, dass es in der Spielzeit 2025/2026 keinen Erstliga-Handball in Leverkusen mehr geben wird, zog Thiel die Konsequenzen. „Die vergangenen Wochen und Monate waren sehr zermürbend“, erklärte der 257-malige Nationalspieler, der zu seiner aktiven Zeit an drei Olympischen Spielen teilnahm und mit dem VfL Gummersbach fünfmal Deutscher Meister wurde sowie zweimal den Europapokal gewann. „Die Energie für die Neuausrichtung der Abteilung habe ich nicht mehr, möchte aber einem unbelasteten Neustart nicht im Wege stehen.“

Wir werden mit aller Ruhe und Sorgfalt prüfen, welche Liga für die Abteilung zukünftig die richtige ist
Anne Wingchen, Geschäftsführerin des TSV Bayer 04 Leverkusen

Schon im Sommer hatte Thiel im Hinblick auf den im Vergleich zur Konkurrenz bescheidenen Etat sowie den Abgang der Leistungsträgerinnen Viola Leuchter, Mareike Thomaier, Mariana Ferreira Lopes sowie Torhüterin Miranda Nasser den Niedergang befürchtet. Im Interview mit dieser Zeitung sagte er: „Das ist schon seit über einem Jahrzehnt so. Man kann sagen, dass wir ausbluten.“ Und: „Es ist unglaublich schwer, Wettbewerbsfähigkeit herzustellen.“

Mittlerweile sieht sich der mit zwölf Titeln nach wie vor als Rekordmeister firmierende Klub dazu auf höchstem Niveau nach eigenen Angaben nicht mehr in der Lage. Während sich das durchschnittliche Budget eines Frauen-Bundesligisten auf etwa eine Million Euro beläuft, müssen sich die Elfen mit einem Betrag im unteren bis mittleren sechsstelligen Bereich begnügen. „Der Etat, den wir als Gesamtverein weitergeben können, ist unverändert“, erklärte TSV-Geschäftsführerin Anne Wingchen. „Allerdings können damit die immer höher werdenden Ausgaben nicht mehr gedeckt werden. Das liegt in erster Linie an enorm gestiegenen Kosten, die der Spielbetrieb in der 1. Bundesliga mit sich bringt.“

Finanziell massiv ins Gewicht fallen vor allem die Aufwendungen für den Hallenboden, die Bereitstellung eines Livestreams oder Auswärtsfahrten. „Wir werden mit aller Ruhe und Sorgfalt prüfen, welche Liga für die Abteilung zukünftig die richtige ist“, so Wingchen weiter.

Nach 16 Meisterschaftsspielen wartet das junge Leverkusener Team nach wie vor auf den ersten Punktgewinn, die nächste Chance eröffnet sich am Sonntag (23. Februar/16 Uhr, Ostermann-Arena) in der Partie gegen den TuS Metzingen. Zuletzt zeigte das Schlusslicht beim 27:30 gegen den Tabellenzweiten Borussia Dortmund einen Aufwärtstrend, wenngleich daraus erneut kein Erfolg resultierte.

„Es ist nicht so einfach, wenn man immer wieder alles gibt und dann doch verliert“, bekannte Jennifer Souza (25), die mit sechs Treffern in Dortmund nach Christin Kaufmann (7) beste Leverkusener Torschützin. „Wir wissen: Wir spielen die Playdowns, das ist keine Frage mehr. Alles, was jetzt passiert, ist die Vorbereitung darauf. Am Ende zählt es.“

Für Coach Michael Biegler dürfte es noch schwieriger werden, seine Spielerinnen angesichts der wohl unterhalb der Ersten Liga stattfindenden Neuausrichtung für den Rest der Saison zu motivieren. „Der Rücktritt von Andreas Thiel kam für uns als Mannschaft überraschend und hinterlässt viele offene Fragen“, meinte Kapitänin Sophia Cormann. „Unabhängig von der sportlichen Situation ist vor allem die finanzielle Lage besorgniserregend, weil sie das Bundesliga-Aus bedeuten könnte. Diese Ungewissheit ist schwierig für uns alle – wir wissen selbst noch nicht, wie es weitergeht.“

Fokus liegt bei Bayer 04 künftig noch stärker auf dem Nachwuchs

Biegler wollte sich zu den Entwicklungen am Mittwoch auf Anfrage dieser Zeitung nicht detailliert äußern, nur so viel ließ er wissen: „Herr Thiel hat es nicht versäumt, uns seine Entscheidung mitzuteilen. Um mich über alles andere äußern zu können, müsste ich erst vollumfänglich informiert sein.“ Da Biegler mit den A-Juniorinnen am Dienstagabend das Match in der Frauen-Regionalliga Nordrhein beim TV Aldekerk absolvierte (33:22), ergab sich noch keine Gelegenheit, sich mit der Klubführung über die künftige Ausrichtung auszutauschen, ein Termin war erst am Mittwoch um 18 Uhr angesetzt. „Dem werde ich nicht vorgreifen, das steht mir auch gar nicht zu“, betonte der Trainer am Vormittag.

Auch Cormann sagte: „Es ist uns bewusst, dass jetzt erst einmal intern Gespräche geführt werden müssen, um Klarheit zu bekommen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“ Eines ist dennoch klar: „Innerhalb der Mannschaft gibt es viele Emotionen, von Verunsicherung bis zu Enttäuschung, weil wir uns fragen, was das für unsere Zukunft und die laufende Saison bedeutet.“

Keine Zweifel gibt es mehr daran, dass der TSV den Fokus künftig noch stärker auf den Nachwuchs lenken wird. Die kommissarische Leitung der Abteilung übernimmt Susanne Ohlendorf, Leiterin der Personalabteilung des Gesamtvereins.